Stell dir vor, du wählst einen Präsidenten, der verspricht, er werde alle Immigranten abschieben und das dann auch macht. Und stell dir vor, du hast ihn zwar genau deshalb gewählt, aber dann kommst du drauf, dass genau diese abzuschiebenden Immigranten bei dir am Feld oder auf deiner Baustelle arbeiten, und nun deine Ernte auf den Feldern verrottet und deine Baustelle keine Arbeiter mehr hat. Gleichzeitig glaubst du nicht an den Klimawandel und schimpfst gegen die Warner, und dann kämpfst du damit, dass Wetterextreme, Dürren und Überschwemmungen deine Arbeit am Feld zunichte machen, und gestiegene Zinsen und Zölle Baumaterialien und Baumaschinen unleistbar machen, während gleichzeitig Leute sich beim Immobilienkauf wegen unsicherer Wirtschaftszeiten und gestiegener Zinsen zurückhalten.
Das ist die aktuelle Situation in den USA, wo beispielsweise Farmer, die mehrheitlich konservativ und damit auch Trump wählen, von genau den Regierungsmaßnahmen, die sie gewählt haben, hart getroffen und in den Ruin gestürzt werden. Doch es gibt immer noch etliche Wähler, die den Zusammenhang nicht erkennen wollen und sich nun am Kopf kratzen und fragen, wie das sein kann? Also ob das noch nicht genug wäre, kommen den Landwirten nun auch noch die Zölle in die Quere, die Trump in chaotischer Weise auf Handelspartner verhängt hat.
Gerade die Red States, also die von Republikanern geführten Bundesstaaten sind stark von Landwirtschaft abhängig – und von Einwanderung. 42% der Erntehelfer haben keine Aufenthaltsberechtigung für die USA, und selbst die die eine haben, blieben den Feldern fern, weil sie Angst davor haben, fälschlicherweise deportiert zu werden. Während Kalifornien oder New York sehr viel stärker diversifizierte Industrien haben und damit weniger betroffen von den Zollstreitigkeiten und Deportationen sind, trifft es Bundesstaaten wie Nebraska, Idaho, Wisconsin oder South Carolina wirklich hart.
Das BIP von Nebraska beispielsweise fiel um 6%. Die Landwirtschaft ist dort die wichtigste Industrie und mit den Zöllen und der Auflösung der Behörde USAID, die jedes Jahr um hunderte Millionen Getreide kaufte um sie in Krisenzonen um die Welt zu schicken, brechen hier die landwirtschaftlichen Erträge ein. Hinzu kommen gestiegen Zinsen, die die Produktion selbst verteuern. Kein Wunder, dass es in den ersten sieben Monaten von 2025 bereits mehr Bankrotte unter Farmern gab, als im gesamten Jahr 2024.
Verkäufe von Sojabohnen sind im ersten Halbjahr 2025 um 50% gefallen. Vor allem weil China, die mehr als die Hälfte der US-Sojabohnenproduktion abnehmen, dieses Jahr keine einzige Bestellung abgegeben haben. Nachdem die USA unter Trump Zölle für China auf 35% gesetzt hat, wies die chinesische Regierung Importeure an, in den USA keine Bestellungen aufzugeben, und stattdessen aus Südamerika Sojabohnen zu importieren, obwohl sie dort etwas teurer sind.
Auch Leute, sie selbst Immigranten waren und unter den schlechten Arbeitsverhältnissen gelitten und immer noch zu leiden haben, verstehen die Welt nicht. Wieso wirkt sich meine politische Präferenz direkt auf mich aus? Das beste Beispiel ist die 64-jährige Irma Arredondo, die als Erntehelferin jahrelang auf Feldern gearbeitet hat und nun unter mehreren chronischen Krankheiten leidet. Die monatlichen Kosten für ihre Medikamente belaufen sich auf tausende Dollar. Und für ihre unter infantile Zerebralparese leidende Tochter – vermutlich auch betroffen durch Irmas Arbeit auf den Feldern mit vielen Pestiziden – benötigt Medikamente im Wert von weiteren tausenden Dollar pro Monat. Irmas Schwester ist auch behindert, sie leidet unter dem Ullrich-Turner-Syndrom.
Trump nun versucht soziale Programme zu kürzen, die das Gesundheitswesen betreffen. So sind Medicare und Medicaid Krankenversicherungsprogramme für Rentner und einkommensschwache Bevölkerungsschichten. Von diesen Programmen hängt buchstäblich das Leben vieler Amerikaner ab, und darunter sind überproportional viele Trump-Wähler.
Warum also hat Irma Arredondo Trump gewählt? Weil Trump gegen Abtreibung ist. Arredondo ist also eine Wählerin, der es um eine einzige Sache geht und dabei nicht erkennt, wie andere Wahlversprechen und Umsetzungen davon sie persönlich treffen würden. Die Amerikaner nennen das einen Single-Issue-Voter. Arredondo versteht den Gesamtzusammenhang nicht. Weil ihr das Thema Abtreibung so wichtig war, hat sie andere Wahlversprechen ausgeblendet und sich damit nicht beschäftigt, und schon gar nicht mit den für sie persönlichen Auswirkungen. Während sie hier „Leben schützen“ wollte, hat sie das Leben ihrer eigenen Familie geopfert. Am Ende zeigt sie aber auch keine wirkliche Einsicht. Sie hätte, wenn sie das vorher verstanden hätte, weder Trump noch Kamala Harris gewählt.
Viele Immigranten sind auch in anderen Industrien tätig. Das Bauwesen habe ich bereits erwähnt, aber auch im Pflege- und Gesundheitswesen sind viele Menschen beschäftigt, die nicht in den USA geboren wurden. Und Ausländer zählen zu einer der wichtigsten Quelle von Einkommen bei Immobilien. Viele Kanadier kaufen Zweitwohnhäuser in Florida, um vor den strengen Wintern in Kanada zu flüchten. Nun ziehen sich diese zurück und die Immobilienbranche in Florida versinkt in eine tiefe Krise.
Kein Wunder, dass republikanische Politiker, die Trump unterstützen, sich in Townhall-Meetings mit äußerst zornigen Wählern konfrontiert sehen und viele Politiker zögern, solche Townhalls anzusetzen. Den es gibt nichts Peinlicheres als von seinen eigenen Wählern zur Schnecke gemacht zu werden. Und das spielt sich gerade in vielen Wahlbezirken mit konservativen Mehrheiten ab.