ICE und die hopsgenommenen südkoreanischen Facharbeiter

Ein wichtiges politisches Ziel der US-amerikanischen Administration unter Donald Trump ist es, nach jahrzehntelangem Offshoring von Industriefertigung diese wieder zurück nach Amerika zu bringen. So ist beispielsweise auch die Beteiligung der US-Regierung am strauchelnden Chiphersteller Intel zu sehen. Für einen Anteil von 10 Prozent zahlte die US-Regierung 8,9 Milliarden Dollar (7,56 Milliarden Euro), wobei es sich nicht um neues Geld handelt. Schon unter Präsident Biden wurde mit dem CHIPS and Science Act Intel versprochen, allerdings immer in Tranchen nach Erreichen bestimmter Meilensteine.

Noch mehr Industriebetriebe in die USA zu holen und damit Arbeitsplätze zu schaffen, ist für einen Präsidenten wichtig, der von der MAGA-Bewegung getragen und mit den vielen Blue-Collar-Arbeitern unterstützt ins Weiße Haus eingezogen ist,. Seine Zölle gegen Länder, aus denen die USA zu viel importieren und mit den Strafsanktionen zwingen will, in den USA Produktionsstätten zu bauen, sind eine weitere Maßnahme, seiner Wählerschaft entgegenzukommen.

Doch das könnte auf einen Schlag zum Halt gekommen sein. Denn die eigenen politischen Ziele kamen sich in die Quere. Die Polizei und Zollbehörde ICE (US Immigration and Customs Enforcement) hat zugleich die Vorgabe erhalten, jeden Tag 3.000 Einwanderer ohne Aufenthaltstitel zu deportieren. Um diese aggressiven Zahlen zu erreichen, schießt ICE schon gelegentlich über das Ziel hinaus.

Am 4. September 2025 kam ICE zu einer im Bau befindlichen Fabrik des südkoreanischen Automobilherstellers Hyundai im US-Bundesstaat Georgia und nahm dort fast 500 Arbeiter fest, mehr als 300 davon südkoreanische Staatsangehörige, 3 Japaner und 10 Chinesen. Diese wurden mehrere Tage unter schlechtesten Bedingungen in Anhaltelagern festgehalten. Sie waren die meiste Zeit in Ketten gelegt, wobei sie mit ihren Händen um die Hüfte gefesselt waren, konnten Wasser nur durch Abschlecken trinken und mussten auf Toiletten gehen, die keine Trennung und nur ein Loch hatten. Wie sich herausstellt, hatten der überwiegende Teil der von ICE Festgenommenen gültige Arbeitsvisa.

Die diplomatischen und wirtschaftlichen Auswirkungen sind verheerend. Der südkoreanische Präsident Lee Jae Myung intervenierte bei US-Präsident Trump. Nach sieben Tagen und Vertuschungsaktionen von ICE (so wurde die bereits veröffentlichte Presseankündigung nochmals geändert) will Südkorea nun den Internationalen Menschengerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit der USA gegen die südkoreanischen Staatsangehörigen anrufen.

Und ICE weiß, dass sie einen schweren Fehler gemacht haben, denn die Aussagen, wie viele der Festgenommenen illegale Einwanderer waren, ändern sich ständig und die Informationen fließen spärlich. Die Bauarbeiten an der Fabrik im republikanisch geführten Georgia werden laut Hyundai frühesten 2026 wiederaufgenommen werden. Dabei hält sich Hyundai aber alle Optionen offen, auch diejenige, dass das Projekt nicht wiederaufgenommen wird.

Die südkoreanischen Arbeiter werden es sich genau überlegen, ob sie wieder in die USA kommen werden, um dort zu arbeiten, und ob sich andere Freiwillige mit derselben Expertise finden werden, sei dahingestellt. Der Bau der Anlage selbst ist dabei nur ein Teil des Investments. Die USA benötigen auch die entsprechenden ausländischen Fachkräfte um heimische Arbeiter an den Anlagen zu schulen. Das wird nun schwierig werden und vor allem sich um Monate oder Jahre hinauszögern.

Ebenso wurden Bauarbeiten an 22 weiteren Industrieanlagen von südkoreanischen Unternehmen in den USA vorläufig gestoppt. Südkorea war 2024 der sechst größte Handelspartner der USA und kündigte erst im Sommer an, 350 Milliarden Dollar (298 Milliarden Euro) in den nächsten Jahren in den USA zu investieren. Die Vorgehensweise hat auch andere Länder dazu veranlasst, ihre Investitionspolitik in den USA zu überdenken.

Für den erzkonservativen und religiösen US-Bundesstaat Georgia, das seit 1964 in den letzten 16 Präsidentschaftswahlen 12 Mal den republikanischen Kandidaten gewählt hat, davon die letzten beiden Male 1992 und 2020, stellt das eine Katastrophe dar. Diese Fabrik sollte 8.500 Arbeitsplätze schaffen, die, wenn überhaupt, sehr verspätet kommen werden.

Sicher ist, dass das Chaos innerhalb der US-Regierung damit einen weiteren Höhepunkt erreicht hat und gerade die Wähler davon betroffen sind, die sich von einer Trump-Regierung Jobs und eine Verbesserung ihrer Lebenssituation erwartet haben.

Ich selbst sehe auch die Verunsicherung, die solche und andere Nachrichten bei Besuchern aus anderen Ländern bringen. Mehrere meiner Delegation erwähnten, dass Teilnehmer an Delegationsreisen abgesagt hatten, weil sie die Lage zu unsicher fanden und sich nicht in der Situation wiederfinden wollen, deportiert zu werden. Eine Schweizer Delegation war so verunsichert, dass sie statt Schokolade aus dem Heimatland lieber vor Ort eine Packung als Mitbringsel kauften, weil sie befürchteten am Flughafen in Schwierigkeiten zu geraten. Der Verunsicherungseffekt durch die aktuelle amerikanischen Regierung ist real.

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