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Was mich triggert

Freunde machen mich immer wieder darauf aufmerksam, dass sie auf sozialen Medien wie LinkedIn regelmäßig auf meine Kommentare stoßen, die sie wegen ihrer „Würze“ gerne lesen würden. Mit Würze meinen sie dabei meine Antworten, die mancheinen Poster zur Rede zu stellen oder deren Behauptungen kritisch, manchmal auch sakrastisch beleuchten.

Ich bin mir sicher, nicht alle mögen meine Kommentare, und Sarkasmus ist nicht immer die beste Form der Antwort, aber hinter meinen Reaktionen steht ein gewisses System. Es gibt gewisse Arten von Kommentaren, die mich triggern.

Diejenigen, die mich kennen, wissen dass ich vielen neuen Technologien recht offen gegenüber stehe. Zuerst einmal versuche ich zu verstehen, wie sie funktionieren und welche Chancen und Möglichkeiten sie bieten. Das ist eine sehr schwere Aufgabe, die die besten Köpfe nicht exakt vorhersagen können. Selbst Steve Jobs, als er 2007 das iPhone vorstellte, demonstrierte nicht wesentlich Neues. E-Mails lesen, Foto machen, einen New York Times Artikel lesen, einen Kontakt löschen, einen Anruf entgegen nehmen. Weit und breit kein Tinder, kein Google Maps, keine Restaurantbewertung auf Yelp, kein Videospiel, keine Jogging App oder Bedienung einer Drohne.

Es ist ziemlich schwer, diese Möglichkeiten zu identifizieren. Viel leichter ist es hingegen, das Haar in der Suppe zu finden. All die möglichen Gefahren und Risiken, auch wenn sie nachher betrachtet nie auftraten. Ich will den Sinn manche Technologien (für mich beispielsweise alles was sich um Kryptowährungen dreht) und Risiken nicht kleinreden, denn niemand will Schaden nehmen. Aber eine Idee ist, wie Jony Ive schon sagte, anfänglich so zerbrechlich, dass man sie davor schützen muss.

Welche Arten von Beiträgen zu Technologien und deren Auswirkungen triggern mich zu „würzigen“ Kommentaren? Drei allgemeine Kriterien sind es, die in dieser Kombination vorkommen müssen und mir als Basis dienen:

Hier ist eine unvollständige Aufzählung verschiedener Typen:

Typ 1: Absolute Behauptungen

Es gibt Personen, die so sicher sind in ihrem Wissen, dass sie absolute Behauptungen aufstellen. 2+2=4. Das ist gesicherte Wissen. Was aber mit Wissen, das nicht gesichert ist, speziell jenes, das nicht in der Vergangenheit oder Gegenwart liegt? Wir wissen, Prognosen sind schwierig, besonders wenn es die Zukunft betrifft. Deshalb sind für mich Behauptungen zu Technologien, die mit absoluter Sicherheit zu deren zukünftigen Entwicklung, mit absoluter Sicherheit glänzen, oft ein rotes Tuch. Speziell dann, wenn aus der Geschichte ähnliche Behauptungen überliefert sind, die sich dann sehr rasch als ebenso absolut falsch herausgestellt haben.

Hier ist ein erstes Beispiel:

Niemand der Personen, die das hier liest, wird zu Lebzeiten jemals eine beliebige Strecke mit seinem „autonom“ fahrenden Fahrzeug absolvieren können. – Michael Feiten

Diese Behauptung kam einerseits, wie oft der Fall, ohne Untermauerung durch sachliche Argumente. Es wurde nicht aufgezählt, was die Gründe dafür sind. Andererseits kommt diese Behauptung mit einer Gewissheit, die keinen Zweifel an diesem Ergebnis gibt. Kein vorsichtiges „Ich glaube, dass…“ oder „Ich bin skeptisch, lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen„.

Ein anderes Beispiel wurde mir an der TU München entgegen gebracht, als ich dort 2019 zu autonomen Autos gesprochen hatte. Ein TU München Physikabsolvent meinte,

Ich besitze in den bayrischen Alpen eine Hütte. Dort liegt im Winter auf 10 Kilometer Schnee. Ein autonomes Auto wird diese Strecke nie fahren können.

Wohlgemerkt, das war im Jahr 2019, dem Jahr wo wir dem 50. Jahrestag der Mondlandung gedachten und in dem Jahr, in dem die Voyager 2-Sonde als zweite Sonde den interstellaren Raum betreten hatte. Aber 10 Kilometer Schneefahrten wird ein autonomes auto nie schaffen.

Absolute Behauptungen, was eine Maschine kann oder soll, oder nicht kann oder nicht soll, kommen in allen Schattierungen. Wie hier in diesem Beispiel:

Zudem ist Pflege m. E. ein hochqualifizierter Job, den keine Maschine übernehmen kann oder sollte.

Nicht besser sind Kommentare, die sogenannte anekdotische Evidenz, die in vielen Fällen auch noch falsch oder stark übertrieben ist, verallgemeinern.

Ein Freund fuhr mit einem elektrischen Auto und hat durch das elektrische Feld seither Hodenkrebs.

Aus der Geschichte gibt es viele absolute Behauptungen, die sich teilweise sehr rasch als falsch herausgestellt haben, wie diese hier:

Typ 2: Früher war alles besser

Eine Studie aus dem Jahr 1997 zeigte, dass unangenehme Erinnerung mit der Zeit rascher verblassen als angenehme. Die Forscher erklären das mit einem Selbstschutzmechanismus, der uns davor bewahren soll, zu sehr in negativen Erinnerung stecken zu bleiben. Diese Nostalgie für die Vergangenheit steht oft in starkem Kontrast zur Realität der Gegenwart.

Hier ist ein Beispiel, wie dieses Argument von der Biomedizinerin Hannah Samira Schmidt in einem LinkedIn-Post vorgebracht wird

Bio-Lebensmittel hießen früher nicht „Bio“.
Es war einfach nur Essen.
Eier und Geflügel aus Freilandhaltung hieß früher nicht Freilandhaltung.
Sie waren einfach nur Eier und Geflügel.
[..] Können wir bitte wieder mehr die Natur ihr Ding machen lassen?
Hannah Samira Schmidt

Zu diesem konkreten Post – der mich ob des fehlenden geschichtlichen Faktenwissens triggerte – habe ich eine längere Antwort verfasst, der die Absurdität dieses Wunsches offenlegt.

Typ 3: Stammtischwissen

„Vorurteile sind praktisch, denn sie helfen uns, Menschen oder Erlebnisse schnell einzuordnen“, heißt es.

Unbekanntes ruft Angst und Furcht, oder zumindest Vorsicht hervor. Denn das half uns als Menschen, zu überleben. Es sind diejenigen eher gestorben, die Neues gekostet oder sich Neuem angenähert haben, ohne die Gefahren zu kennen. Genetisch wurde somit die Furch vor Neuem in uns weitervererbt.

Kein Wunder, dass am Stammtisch solches „Wissen“ weitergetragen wird.

Diese Art der Argumente gibt es nicht erst seit heute. Hier sind Beispiele aus der Vergangenheit

Typ 4: Unschuld durch Assoziation

Bei dieser Form zieht der Kommentator eine unterdrückte oder gehasste Gruppe heran, aus deren Umfeld man selbst angeblich auch jemanden kenne, und deshalb gar nicht rassistisch, antisemitisch, ausländerfeindlich oder schwulen- und lebensfeindlich sei.

Indem man sich mit diesen Personen über einen angeblichen Bekannten assoziiert, will man signalisieren, dass der Vorwurf oder der folgende eigene Satz zeige, dass man eben so nicht sei. Oder dass Angehörige dieser Gruppe derselben Meinung wie man selbst sei, und deshalb es OK wäre. Ein Beispiel ist die Verwendung des N-Wortes, nur weil man einen dunkelhäutigen Freund habe, der das Wort auch verwenden würde und damit einverstanden sei.

Anekdotische Evidenz wird auf die Allgemeinheit umgelegt und damit als akzeptabel umgedeutet.

Typ 5: Name Calling

Es ist einfach, anderen ein Etikett umzuhängen, denn das macht die Schubladisierung einfach und vermeidet, dass man sich selbst mit den Argumenten auseinandersetzen mus, denn diese kämen aus einem irrationalen Verhaltens der Diskussionsgegner.

Ein solcher Begriff ist das immer gern eingeworfene „Tesla -Fanboys“, wenn es um Elektroautos geht. Unkritische Anhänger, die einem Kult angehören und damit nicht mehr rational denken könnten.

Typ 6: Etwas ist ein Hype

Christof Kerkmann, Redakteur beim Handelsblatt, verwendet dieses Wort in einem Beitrag zu KI und ist auch stolz über die aufgeregten Reaktionen.

Die Verwendung des Begriffs „Hype“ empfinde ich immer als Problem. Denn die Verwendung deutet an, dass etwas einfach nur eine Modeerscheinung sei, die bald wieder vorbei wäre. Das Signal das Journalisten/Medien an Firmen und die Öffentlichkeit aussenden, oder Manager an ihre Mitarbeiter, oder eben Kommentatoren an andere Leser, ist, dass es deshalb nicht wert sei, sich mit diesem Trend zu beschäftigen. Es wäre Zeitverschwendung und ein schlechter Einsatz der Ressourcen.

Jetzt mag das für viele Trends stimmen, aber wenn sich aufgrund eines angeblichen Hypes unsere Firmen, unsere Beschäftigten, unsere Gesellschaft nicht damit auseinandersetzt, dann fallen wir als Land, als Gesellschaft zurück. Wieder einmal.

Denn wie oft haben wir gehört, dass beispielsweise Elektroautos nur ein Hype wären? Dass das Internet ein Hype ist? Diese gehypte Firma Tesla ohnehin bald Pleite gehen würde?

Im selben Atemzug jammern dieselben Medien und Kommentatoren, dass unsere Wirtschaft diesen Entwicklungen nach hinken würde, und wir keine Unternehmen und Technologien haben, die ganz vorne mit den wichtigsten Entwicklungen mitmischen?

Betrachten wir die großen Technologieentwicklungen der letzten Jahre, wie das Internet, den mobilen Geräten, der Cloud, den Elektroautos, der KI oder dem autonomen Fahren, und stellen uns die Frage, welche deutschen Firmen dort ein einflussreiche Rolle spielen, dann erkennen wir rasch: es befindet sich keine einzige darunter, ja in den meisten Fällen nicht mal eine europäische Firma.

Wohl deshalb, weil wir alles einen Hype benennen und uns extrem schlau vorkommen, weil wir die einzigen sind, die das erkennen. Und damit den anderen den Vortritt lassen, die ein Technologiepotenzial aktiv zu verstehen versuchen und uns damit mehrere Iterationen voraus sind und sich ergebende Chancen dann sofort ergreifen können.

Deshalb ist mein Vorschlag, das Wort „Hype“ aus dem eigenen Vokabular zu streichen und sich mit allen Technologietrends so gut als möglich zu beschäftigen. Davon rate ich übrigens auch schon in meinem Buch Foresight Mindset, wo ich mit mit Methoden zur Zukunftsvorhersage beschäftige, ab.

Als 1977 Elvis Presley starb, wuchs die Zahl an Elvis-Imitatoren in kurzer Zeit so sprunghaft an, dass bei einer Fortsetzung des Trends im Jahr 2000 ein Drittel aller Amerikaner ihren Unterhalt als Elvis-Imitatoren verdienen würden.
Wieso kam es aber nicht dazu? Das lässt sich mit den Methoden des Foresight Mindsets erklären.
Zukunft lässt sich vorhersagen. Einigermaßen, mit einer gewissen Unschärfe jedenfalls. Diese Disziplin ist erlernbar und das ist zugleich die gute Nachricht. Man muss nicht erst auf Futuristen und Zukunftsforscher warten, die einem die nächsten Trends erklären. Organisationen können sich selbst darauf vorbereiten und ein strategisches Set an Werkzeugen in ihren Kanon aufnehmen. Die Werkzeugkiste in diesem Buch hilft dabei nicht nur zu reagieren, sondern ermöglicht, von Anfang an die Gestaltung der Zukunft mitzubestimmen.

€29,80 | 278 Seiten | 2.4.2019
Amazon | Verlag Franz Vahlen

Typ 7: Antipathie

Erstaunliche viele Leute lassen sich von ihrer Antipathie gegen bestimmte Personen leiten, übersehen dabei aber oft solche, die wirklich der Welt schaden. So ist es ein Leichtes, den SpaceX- und Tesla-Chef Elon Musk zu hassen – und er hat sich das auch selbst zuzuschreiben – und dabei seine Arbeit zu umweltfreundlicheren Produkten herunterzumachen, als Leuten, die wirklich der Umwelt und der Menschheit aktiv schaden. Die Koch-Brüder oder CEOs von Öl- und Waffenfirmen polarisieren sie nicht so und kommen ihnen daher nicht in den Sinn.

Das ist in gewisser Weise Heuchelei, denn wenn es den Leuten an diesen Themen wirklich gelegen wäre, dann würden sie sich die geeigneteren Ziele ihrer Antipathie aussuchen.

Typ 8: Unverhältnismäßigkeit

In letzter Zeit fällt mir auch immer mehr auf, dass unverhältnismäßige Maßnahmen gefordert oder damit gedroht werden. So scheinen die Klimakleber (nach den Friday4Future-Aktivisten) zum Ziel des bürgerlichen Zorns geworden zu sein. man betrachte dazu den folgenden Twitter-Thread:

Da wird zuerst in implizierter Weise mit den gesetzlichen Möglichkeiten gedroht, nur dass dann einer der Kommentierenden auch noch gegen die zumeist jungen Aktivisten hetzt und vorschreiben will, was wichtiger wäre. So als ob die Menschheit immer nur ein Problem auf einmal anpacken kann.

Diese Klimachaoten glauben, die Weisheit gefressen zu haben! Und solange Kriege geführt werden, ist der Klimawandel für viele Menschen ein geringes Problem!

Diese Argumente werden auch durch mangelndes Geschichtswissen gefördert. Denn im Vergleich zu den Anschläge verübenden, Banken ausraubende, Sprengsätze explodierende und Menschen entführende und tötende RAF-Terroristen der 1970er und 1980er Jahre sind die Klimakleber sehr harmlos. Und trotzdem will man sie jahrzehntelang einsperren und droht mit den schärfsten Maßnahmen.

Typ 9: Wir müssen zuerst…

Immer wieder vertreten Leute die Meinung, dass – vor allem wenn ihnen die ausführende Person unsympathisch ist – wir zuerst Hunger/Armut/Krieg/etc. lösen müssten, bevor wir in den Weltraum fliegen oder den Klimawandel anpacken.

Dagegen sprechen mehrere Argumente. Zuerst ist die Menschheit durchaus fähig, mehrere Probleme gleichzeitig anzupacken. Könnten wir nur eines anpacken, und würden wir den Aufruf wirklich ernst nehmen, dann müssten alle Berufe und Aktivitäten, die das nicht direkt unterstützen, eingestellt werden. Ein Designer-Freund, der sich über Elon Musks Raketenprogramm echauffiert, dürfte dann nicht mehr auf Konzerte gehen und seinen Beruf ausüben, denn dieser trägt überhaupt nicht dazu bei, das laut ihm wichtigste Problem zu lösen.

Übrigens wirft das gleich mehrere weitere Fragen auf:

Und was triggert dich? Schreib’s mir doch in den Kommentar.

Bonus

Wie wird auf diese Kommentare reagiert?

Niemand hört gerne, dass er oder sie falsch liege. Da wird dann bei geschichtlichen Vergleichen gern darauf hingewiesen, dass es diesmal ganz anders sei und die Situation nicht verglichen werden könne. Denn diesmal entwickle sich das viel rascher, ist gefährlicher, oder die Rahmenbedingungen würden den negativen Effekt verstärken.

Wann weiß man, dass der Originalposter keine Sachargumente mehr vorbringen kann?

In dem Moment, indem auf fadenscheinige Punkte umgelenkt wird. Ein beliebter Trick ist dabei, darauf hinzuweisen, dass man sich nie das Du-Wort angeboten habe (ich Duze prinzipiell immer auf LinkedIn).

Eine andere Methode ist die patzige Antwort, dass man doch selbst danach googlen könne, weil man selber keine Zeit hat. Ja, das merkt man, denn sonst hätte die Person bessere Fakten und Argumente recherchiert.

Buchtipp

Einige dieser Techniken, die bei Diskussionen angewandt werden, finden sich in meinem Buch Totschlagargumente für Anfänger. Darin gibt es viele Beispiele mit einem augenzwinkernden Blick darauf.

TOTSCHLARGUMENTE FÜR ANFÄNGER

Ob Corona-Impfung oder Tempolimit, Erbschaftsteuer oder Aktienrente: Debattierfreudige Zeitgenossen finden in diesen Zeiten Themen en masse. Manche wollen wirklich debattieren, überzeugen und auch lernen. Andere sind da eher simpler gestrickt und erklären jeden, der nicht ihrer Meinung ist, für dumm, ungebildet oder einfach einen schlechten Menschen. Und eine dritte Spezies hat die Kunst des Totschlagarguments perfektioniert – und erstickt damit die meisten Diskussionen schnell in betretenem Schweigen. Floskeln von „Das haben wir schon immer so gemacht“ bis hin zu „Das trifft wieder nur den kleinen Mann“ begleiten uns zuhauf. Wie sie funktionieren, was man dagegen tun kann – und wie man sie im Notfall auch selber nutzt –, erklärt der Autor von „Sorry not sorry“ augenzwinkernd in diesem Buch.

Erhältlich im Buchhandel, beim Verlag und bei Amazon.

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