Europa vs USA: 2 Robotikfirmen, 2 x 1 Milliarde, aber die Bewertungen klaffen völlig auseinander

Wie weit die Venture Capital Märkte in den USA und Europa auseinanderklaffen zeigen die jüngsten Nachricht über die Kapitalisierungsrunden, die zwei führende Hersteller von humanoiden Robotern finalisierten. Und diese Unterschiede entscheiden auch signifikant über das weitere Schicksal der Unternehmen. Einerseits, wer wie viel kontrollierende Anteile am Unternehmen hält und damit die Richtung der Entwicklung einer neuen Technologie und die neuen Märkte vorgibt, andererseits, wie viele Finanzierungsrunden sich ein Unternehmen leisten kann, bevor der Geldhahn zugedreht wird. Und das kann in einem kapitalintensiven Sektor ausschlaggebend sein, ob ein Unternehmen den finanziellen Atem hat zu überleben und zu sterben.

Figure.AI

Figure.AI, ein über dreieinhalb Jahre altes Startup aus San Jose in der San Francisco Bay Area, konnte im September 2025 in der Runde C einen Betrag von einer Milliarde US-Dollar aufstellen. Die Bewertung des Unternehmens wurde dabei mit 39 Milliarden US-Dollar angegeben. Die VCs umfassten dabei den lead-Investor Parkway Venture Capital, gefolgt von Brookfield Asset Management, NVIDIA, Macquarie Capital, Intel Capital, Align Ventures, Tamarack Global, LG Technology Ventures, Salesforce, T-Mobile Ventures, und Qualcomm Ventures.

Eine Milliarde Dollar bei einer Bewertung von 39 Milliarden bedeutet, dass der Gründer und CEO Brett Adcock, ein erfolgreicher Serienunternehmer, der das Unternehmen zuerst mit seinem eigenen Geld gestartet hat und erst dann die ersten Finanzierungsrunden für weitere Investoren eröffnete, damit einen Anteil von knapp 2,6 Prozent am Unternehmen an die VC-Gruppen abgab.

NEURA Robotics

Im März 2026, also knapp sechs Monate nach der Ankündigung von Figure.AI, verlautbarte das Metzingen, südlich von Stuttgart, beheimatetet Unternehmen NEURA Robotics, ebenfalls den Abschluss einer großen Finanzierungsrunde im Wert von einer Milliarde Euro (1,16 Milliarden US-Dollar). Es handelt sich dabei nach einer Seedrunde im Wert von 16 Millionen und einer Runde A in Höhe von 120 Millionen Euro nun um die Runde B.

Was diese Finanzierungsrunde von dem 2019 gegründeten NEURA Robotics aber von der von Figure.AI unterscheidet ist die Bewertung der Unternehmen. NEURA Robotics wird mit 4 Milliarden Euro (4.65 Milliarden US-Dollar) bewertet, also mit nur knapp einem Achtel des US-Unternehmens. Die Investoren in dieser

Bewertungsunterschiede

Da ich mich für mein am 4. Juni 2026 au Deutsch erscheinendes Buch Homo Syntheticus: Wie Mensch und Maschine verschmelzen intensiv mit dem Stand der Technik von weit mehr als hundert Herstellern von humanoiden Robotern beschäftigt habe, und dabei Figure.AI und NEURA Robotics zu den führenden Unternehmen zähle, müssen andere Faktoren für diese signifikanten Bewertungsunterschiede eine Rolle spielen. Wie kommen sie also zustande? Dafür gibt es mehrere Gründe.

Erstens, wie die Investoren das Unternehmen einschätzen, einen signifikanten Anteil des entstehenden Marktes für humanoide Roboter zu erobern.

Zweitens, wie viele Anteile bereits in den ersten Runden abgegeben worden sind.

Drittens, wie die Investoren einen Exit-Markt sehen. Damit ist gemeint, wie realistisch ein Börsengang oder eine Akquise durch ein anderes Unternehmen eingeschätzt wird, und mit welcher Verzinsung des investierten Kapitals zu rechnen ist. Wenn es einen Wettkampf mit mehreren Bietern gibt, die NEURA Robotics kaufen wollen und damit die Anteilspreise in die Höhe treiben, dann kann das den Investoren nur recht sein, denn sie kriegen ein Mehrfaches der Investitionen zurück. Auch ein Börsengang als Exit können bei einem gelungenen Börsenstart für eine saftige Verzinsung sorgen.

In Europa sind solche Exits allerdings limitiert. Weder gibt es Börsen mit entsprechender Liquidität, noch existiert in Europa eine Akquisekultur. Da wird oft zögerlich gehandelt, und eher eine „Wir entwickeln das lieber selber“-Mentalität vor. Gleichzeitig sind Unternehmensverkäufe an nicht europäische Unternehmen regulatorisch erschwert worden, um den Ausverkauf von heimischem Knowhow und Technologie zu verhindern. In Deutschland nicht zuletzt mit dem Verkauf des deutschen Roboterherstellers KUKA an ein chinesisches Unternehmenskonglomerat.

Viertens, und sicherlich auch nicht unwichtig ist, wie gut die Technologie, das Team, die Patente, die Lieferkette, die Kundenbasis und vieles mehr, und damit der Markterfolg von den Investoren eingeschätzt wird.

Fünftens, die Investitionskultur. In Europa werden von den Investoren schon in den ersten Runden viel höhere Anteile eingefordert, als in den USA. Gerade im Silicon Valley gibt es standardisierte Term Sheets, die selbst in höheren Runden entweder nur wenige Prozent an Anteilen nehmen, oft nur im mittleren einstelligen Bereich, oder sogar von den Startups nicht-stimmberechtigte Anteile vergeben werden, und damit den Gründern auch nach vielen Runden noch immer die mehrheitliche Kontrolle am Unternehmen lassen. Bestes Beispiel ist Meta (vorher facebook), wo der Gründer und CEO Mark Zuckerberg auch nach vielen Finanzierungsrunden und einem Börsengang immer noch mehr als fünfzig Prozent der stimmberechtigten Anteile hält – und damit schalten und walten kann, wie er will.

Sechstens, Liquidität an den VC- und Finanzmërkten. Mangels eines reifen VC-Markts wie in den USA sind in Europa nach wie vor Grenzen gesetzt, bis zu welchen Summen Startups Gelder aufnehmen können. Während bis wenige hundert Millionen in Europa noch Möglichkeiten bestehen, können in den USA dutzende Milliarden aufgestellt werden. Jüngstes Beispiel dazu war die Google-Schwester Waymo, die 16 Milliarden US-Dollar bei einer Bewertung von 126 Milliarden aufstellen konnte, und das bereits nach früheren Runden mit Milliardenbeträgen. Mit dieser Runde gab Waymo knapp über 12 Prozent Anteile an die Investoren.

Wie langwierig diese Finanzierungsrunde für NEURA Robotics war, bezeugen die ersten Ankündigungen dazu. So waren bereits im Juni 2025 erste Nachrichten über eine angepeilte Finanzierungsrunde in dieser nun abgeschlossenen Höhe bekannt geworden. Es dauert also neun Monate, bis sie zustande kam, und das vermutlich unter hohen Abschlägen, sprich, Abgabe von einem hohen Unternehmensanteil an die Investoren.

Schlussfolgerung

Natürlich gibt es Unterschiede in den Technologien, Marktchancen und anderen Faktoren zwischen Figure.AI und NEURA Robotics, die Einfluss auf die Bewertungen haben. Doch dass zwei Unternehmen, die bei an der Vorderfront dieser neuen Technologie und dieses neuen Marktes stehen, bei einem ähnlichen Betrag solch unterschiedliche Bewertungen aufweisen, können damit nicht allein erklärt werden. Der europäische VC-Markt ist eben aus den genannten Gründen viel limitierter.

Ginge es nur um die Höhe des aufzustellenden Kapitals, dann müsste man NEURA Robotics dringend empfehlen, den Hauptsitz in die USA zu verlegen. Für Europa sollte dieses Beispiel aber die Alarmglocken klingen lassen, denn gerade bei kapitalintensiven Technologien wie eben humanoiden Robotern, können selbst die kleinsten Unterschiede bei der Zugänglichkeit und Verfügbarkeit von Kapital um entsprechende Geschwindigkeit vorzulegen und Ressourcen auf die Entwicklung der Technologie zu werden, die Entscheidung über Leben und Tod eines Startups bedeuten.

Nachsatz

Für mein im Frühjahr 2026 erscheinendes Buch Homo Syntheticus: Wie Mensch und Maschine verschmelzen, habe ich eine umfassende, und wie es die Natur der Sache ist, auch unvollständig bleibende Liste an Herstellern und deren Roboter zusammengestellt. Das Buch (auf Deutsch) kann bereits hier bestellt werden, die Übersicht zu allen Herstellern, die ich bislang identifizieren konnte, ist hier zu finden.

Kommentar verfassen