Papierordner (C) Landesamt für Umwelt Brandenburg

Digital Doof DACH – Meldungen aus der Digitalisierungswüste

Wir haben lange vermutet, dass der deutschsprachige Raum bei der Digitalisierung im Vergleich zu anderen Ländern etwas zurückliegt. Immer wieder wurden Studien veröffentlicht, die den aktuellen Stand der Digitalisierung aufzeigen soll. So unter anderem in Deutschland der alljährliche Digitalindex. Auch der Digital Economy and Society Indes (DESI), der die europäischen Länder vergleicht, sah bei der digitalen Wettbewerbsfähigkeit Österreich und Deutschland im Jahr 2021 nur auf dem 10. und 11. Platz von 27 liegen.

Rangliste zur digitalen Wettbewerbsfähigkeit der G20 Länder 2021 (C) Digital Riser Report 2021

Der Digital Riser Report 2021 vom European Center for Digital Competitiveness in Berlin, der alle ein bis zwei Jahre die Länder hinsichtlich ihrer digitalen Wettbewerbsfähigkeit bewertet, stellt Deutschland ein ziemlich schlechtes Zeugnis aus So belegt Deutschland unter den G20-Ländern nur den 17. Rang.

Es überrascht nicht, dass sich dieses schlechte Abschneiden der Wirtschaft bezüglich digitaler Infrastruktur auch im Schulsystem widerspiegelt. So landete Deutschland im Index der Bereitschaft für digitales lebenslanges Lernen des Centre for European Policy Studies an der 27. von 27 Stellen.

Das Magazin Golem nannte im Beitrag „Die Bremser vom Amt“ eine Zahl der digitalisierten, also online verfügbaren Verwaltungsleistungen:

Im September 2021 beklagte der DBB Beamtenbund und Tarifunion, dass Bürger statt der vom OZG vorgesehenen 575 Verwaltungsleistungen nur 16 Dienste online in Anspruch nehmen konnten.

Wurde das von vielen bislang nur mit einem Schulterzucken hingenommen, so hat sich das angesichts der Krisen in den letzten beiden Jahren gewandelt. Es wurde offensichtlich, dass dieser Rückstand in der Digitalisierung der Wirtschaft, der Gesellschaft oder des Schulsystems Konsequenzen hat, die den deutschsprachigen Raum zu einem Nachzügler macht und am Fortschritt hindert. Betrachtet sich die DACH-Region gerne als Hochtechnologieland, die lange die Welt mit Präzisionsmaschinenbau, Pharma und Chemie beliefert hat, so ist man im digitalen Bereich zu einem Entwicklungsland geworden.

Nichts besser beschreibt das anschaulicher, als einzelne Meldungen in den letzten Jahren, die den Rückstand der Schulen, der Wirtschaft und der Behörden zeigen. Einige Beispiel will ich hier aufzählen.

Noch etwas: abonniere und verbreite doch bitte die LinkedIn-Gruppe Digital Doof DACH. Mehr dazu am Ende des Beitrags.

Beispiel 1: Betriebsgenehmigung Tesla Gigafactory Berlin-Brandenburg

Das Landesamt für Umwelt postete auf Twitter als aktuelle News die Genehmigung für die Inbetriebnahme der neuen Tesla-Fabrik. Zur Illustration des Tweets wurde dieses Bild gewählt, das offensichtlich die auf Papier ausgedruckten, zugehörigen Unterlagen in 66 Ordnern darstellt.

(C) Landesamt für Umwelt Brandenburg
Papierordner für das immissionsschutzrechtliche Genehmigungsverfahren für das Landesamt für Umwelt für die Genehmigung der Tesla Gigafactory im brandenburgischen Grünheide (Landkreis Oder-Spree)
(C) Landesamt für Umwelt Brandenburg

Was uns zur Frage führt, wieso diese Unterlagen ausgedruckt und nicht digital übermittelt werden? Nicht nur können mit der digitalen Version mehrere Sachbearbeiter gleichzeitig die Unterlagen begutachten und bearbeiten, und damit das Genehmigungsverfahren beschleunigen, es fallen auch der Aufwand und die Kosten weg, die Unterlagen ausdrucken zu müssen und dient damit auch der Umwelt.

Beispiel 2: Genehmigung von Windturbinen

Ein ähnliches Bild wurde von Niccolò Della Bianca, seines Zeichens Kommunikationsmanager für öffentliche europäische Angelegenheiten, Regulierung und Kartellrecht bei der Enel Group, gepostet. Miriam Teige, Pressesprecherin von EnBW, hatte ihn darauf hingewiesen, wie groß der Aufwand in Baden-Württemberg, einem deutschen Bundesland mit einem grünen Ministerpräsidenten, ist.

Diese Dateiordner enthalten laut seinem Post alle notwendigen Unterlagen für die Genehmigung von drei Windkraftanlagen in Deutschland. Es handelt sich dabei um 36.000 Blatt Papier, mit Druckkosten von mehr als €10.000 und über 100 Stunden an Arbeitsaufwand.

Folders with 36,000 pages of documentation for constructing 3 wind turbines in Germany.
Ordner mit 36.000 Seiten Dokumentation für die Errichtung von 3 Windkraftanlagen in Deutschland.

Neben dem gigantischen Aufwand sind auch hier wieder die Unterlagen ausgedruckt und nicht etwa digital abzuliefern. Mit denselben Konsequenzen wie schon bei Beispiel der Tesla-Fabrik in Berlin-Brandenburg.

Niccolò Della Bianca meint übrigens, dass er sich vorstellen könne, dass in einigen Ländern, wie seinem Heimatland Italien, noch schlimmer wäre und sechs Schreibtische nicht ausreichen würden, um den Papierkram aufzunehmen.

Beispiel 3: Sparkasse Hannover

Der in Hannover lebende Head of Social Media für das t3n-Magazin, Benjamin Rodgers, wollte seinen Augen nicht trauen, als er einen (analogen) Brief der Sparkasse Hannover in seinem Postfach fand. Wegen eines Gerichtsurteils vom April 2021 benötigte die Sparkasse Hannover eine Zustimmung ihrer Kunden zu den Geschäftsbedingungen. Um das pflichtgemäß zu tun, schickte das Institut im Februar 2022 einen Brief mit einer beigefügten Mini-CD-ROM an alle Kunden.

Verständigung zur notwendigen Zustimmung wegen neuem Rechtsrahmen der Sparkasse Hannover

Ja, es ist richtig zu erkennen: eine Mini-CD-ROM ist da beigelegt. Im Jahr 2022. Die Sparkasse klopft sich in ihrer Begründung dabei selbst auf die Schulter:

Um Papier zu sparen und die Umwelt zu schonen, erhalten Sie alle Bedingungen sowie die Übersicht unserer Preise auf der beigefügten Mini-CD-Rom. Sie können die Unterlagen aber auch in unserer Internetfiliale unter www… herunterladen. Wenn Sie die 108-seitige Broschüre in Papierform erhalten wollen, können Sie sich diese per Post zuschicken lassen oder in Ihrem BeratungsCenter abholen.

Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber ich müsste zuerst einmal ein CD-ROM-Laufwerk finden, dass ich an meinen Computer anschließen kann, und dann bin ich mir nicht sicher, ob dieses eine Mini-CD-ROM lesen kann. ich konnte es mir jedenfalls nicht verkneifen, folgendes Bild dazu zu posten:

„Abspielgerät, Abspielgerät, wie war das noch einmal?“

Wie ein Kommentator süffisant meinte: „Ich wäre gerne in dem Meeting dabei gewesen, als die Entscheidung getroffen wurde, eine Mini-CD-ROM beizulegen.“

Beispiel 4: Faxnummern

Man meinte, es handle sich um einen verspäteten Aprilscherz, denn immerhin berichtete Der Neue Wiesentbote am 2. April darüber, und zwar im Jahr 2021. Was die freudige Meldung war?

Der Neue Wiesentbote: Regierung von Oberfranken stellt auf fünfstellige Faxnummern um, 2. April 2021

„Regierung von Oberfranken stellt auf fünfstellige Faxnummern um“ schlagzeilte das Lokalblatt. Die Regierung ließ ihre Untertanen wissen, dass vierstellige Faxnummern nicht mehr ausreichen würden, denn diese innovative Technologie kann ich nur vermuten, erfreut sich einer derartigen Beliebtheit, dass sie nun fünfstellige Nummern benötigen würden. Investitionen in die Zukunft.

Ich bin mir nicht sicher, wann ich das letzte Mal ein Fax versandt habe, aber es muss sicherlich schon vor mehr als einem Jahrzehnt gewesen sein. ich bin mir sicher, dass es Alternativen geben müsste, ein Schriftstück oder Anfrage an die Regierung in Oberfranken zu senden, wenn mir nur einfallen würde, welche Technologie das sein könnte? Telegramm? Pony-Express? Rauchzeichen?

Beispiel 5: Faxfunktion der Techniker Krankenkasse

Auch Krankenkassen machen Faxen. Und wenn man Faxgeräte mit einer Smartphone-App verknüpfen kann, umso besser. Das musste sich jedenfalls die Techniker Krankenkasse gedacht haben. Auf der Höhe der Zeit stehend verkündete im Februar 2022 die Krankenkasse ihren Mitgliedern, dass ab sofort es kein Problem mehr sei, wenn man seine Versicherungskarte bei einem Arztbesuch vergessen habe.

Denn dazu gibt es die TK-App, mit der man – nein, nicht etwa die Versicherungsdaten der Ärztin digital vorlegen und diese sie vielleicht per Barcode scannen kann – nein, es gib in der App einen Knopf, mit der man seine Versicherungsdaten hochmodern an die Ärztin faxen kann.

Smartphone-App sendet Fax.

Genau, faxen. Aus Sicherheitsgründen allerdings nur an Ärzte, die in der Liste der Techniker Krankenkasse drin stehen, denn sicher ist sicher. Abgesehen davon, dass Faxe unverschlüsselt versendet werden, stellt sich die Frage, wer eigentlich die Digitalstrategie bei der TK macht und ob das Unternehmen selbst Techniker beschäftigt?

Merke: nicht überall, wo Techniker draufsteht, ist auch Technologie drin.

Beispiel 6: COVID-Meldung in der Schweiz

Mitte 2020 erhielten wir einen Einblick in die Funktionsweise der vielgerühmten Schweizer Präzision, als wir vernehmen mussten, dass

[d]ie vom Innendepartement (EDI) erlassene Verordnung über die Meldung von Beobachtungen übertragbarer Krankheiten des Menschen verlangt, dass Meldungen ans BAG [Bundesamt für Gesundheit] per Post, Kurier oder Fax gemacht werden müssen.

Das BAG war so überfordert gewesen mit der eintrudelnden Papierflut, dass sie mit dem Zählen nicht nachkam. Man hatte auch tagelang übersehen, dass das Papier im Faxgerät zu Ende gegangen war, und so keine Meldungen mehr erhalten. Man weiß bis heute nicht, wie viele auf diese Weise nicht erfasst worden waren. Wie löste man das Zählproblem?

Symbolfoto für die Schätzung von COVID-Meldungen

Mit ganz modernen Mitteln: Einerseits bezog man die Zahl der Todesfälle von Wikipedia, andererseits legten die Mitarbeiter den Stapel an Formularen der gemeldeten Fälle auf eine Waage, um auf diese Weise die Fälle abzuschätzen. Es ist nicht bekannt, ob es sich um eine Digitalwaage handelte.

Zusammenfassung

Einige der Beispiel entstammen aus meinem Buch Future Angst: Wie wir von den Innovationsvorreitern zu den Innovationsnachzüglern wurden und wie wir die German Angst überwinden können.

Ich möchte mit diesem Beitrag aber auch gleichzeitig dazu einladen, die neue LinkedIn-Gruppe Digital Doof DACH zu abonnieren, in der Beispiel gesammelt werden, um den Digitalisierungsrückstand der DACH-Region zu illustrieren und dabei zu helfen, Maßnahmen zu treffen, diesen Rückstand zu verringern. Bitte auch weitersagen!

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