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Wie wir uns in den Niedergang reden

Die Wahl der Worte ist wichtig, sie „macht die Musik“. Für mich wenig überraschend, da ich als Buchautor und Wortschmied natürlich viel auf die richtigen Worte und Phrasen achte. Besonders auch wegen der Art, wie damit das Mindset geändert und in weiterer Folge Innovation vorangetrieben oder verhinder werden kann. Ich selbst habe ja zwei rein der Wortwahl gewidmete Bücher, Sorry Not Sorry: Die Kunst wie man sich nicht entschuldigt und Totschlagargumente für Anfänger geschrieben. Auch können tagtäglich wir die hitzigen Diskussionen um das Gendern beobachten, zu dem ich nebenbei bemerkt auch ein Buch in Vorbereitung habe.

Aber wichtig in meiner täglichen Arbeit als Vortragender und Gastgeber von Delegationen im Silicon Valley ist das genau Zuhören bei der Wahl der Worte zu den neuen Ideen und Technologietrends, die die Besucher hier so von sich geben. So bringe ich immer ein hässliches Plüschtier mit, um es dem- oder derjenigen zu überreichen, die etwas Negatives sagt.

Die Financial Times führte für einen Artikel mit dem Titel Is the west talking itself into decline? (Redet sich der Westen in den Niedergang?) eine Analyse der Wortwahl in englisch-, französisch- und deutschsprachigen Büchern durch, die untersuchte, wie sich über die letzten beiden Jahrhundert das Verhältnis in der Wahl zwischen optimistischen und vorsichtigen Begriffen verschoben hat.

Die Forscher einer vor einem Monat veröffentlichte Studie mit dem Titel Enlightenment Ideals and Belief in Progress in the Run-up to the Industrial Revolution: A Textual Analysis (Die Ideale der Aufklärung und der Glaube an den Fortschritt im Vorfeld der industriellen Revolution: Eine textuelle Analyse) analysierten den Inhalt von 173.031 zwischen 1500 und 1900 publizierten Büchern in England, und zählten die Häufigkeit der Verwendung von negativ und positiv konnotierten Worten.

Quelle: Financial Times

Dabei stiegen, wie man in der Grafik sehen kann, ab 1700 die Zahl der optimistischen Worte an, während die Zahl der pessimistischen leicht sank Der Financial Times Journalist John Burn-Murdoch ergänzte die Analyse zuerst um spanische, dann um französische und deutsche Bücher. Vor allem seit den 1960er Jahren ist die Häufigkeit von Begriffen, die mit Fortschritt, Verbesserung und Zukunft zu tun haben, um etwa 25 Prozent zurückgegangen, während Begriffe, die sich auf Bedrohungen, Risiken und Sorgen beziehen, um ein Vielfaches häufiger geworden sind.

Er zitiert Ruxandra Teslo, die zu einer wachsenden Gemeinschaft fortschrittsorientierter Autoren an der Schnittstelle von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik gehört, und die die Auffassung vertritt, dass die wachsende Skepsis gegenüber der Technologie und das zunehmende Nullsummen-Denken in der modernen Gesellschaft eine der entscheidenden ideologischen Herausforderungen unserer Zeit ist.

Das bestätigt übrigens mein eigenes Gefühl eines negativen Spins in der deutschprachigen Sachbuchliteratur zu Technologiethemen. Als jemand, der seit 2001 im Silicon Valley wohn, habe ich lange Jahre mich geweigert, Sachbücher von deutschen Autoren zu lesen. Erst seit ich selbst für ein deutschsprachiges Publikum zu Technologietrends und dem Silicon Valley selbst Sachbücher schreibe, lese ich neben den englischsprachigen Sachbüchern von zugegebenermaßen vielen techno-optimistischen Autoren auch wieder die Sachbücher deutscher Autoren. Allerdings weniger, um Neues zum Thema selbst zu lernen, sondern um die negativen Vorurteilen und von teils übertriebener Vorsicht Argumente darin kennenzulernen. Ich kann dabei auch recht rasch erkennen, ob der Autor oder die Autorin in Deutschland lebt oder als Deutschsprachige(r) im Ausland. Letztere haben nämlich eine viel breitere und in vielen Fällen positive Sichtweise der Dinge.

Sprache ist wichtig, gerade in Zeiten, in denen wir aufgrund unser immer komplexer werdenden Gesellschaften vor so vielen Herausforderungen stehen, wie nie zuvor. Eine Sprache, mit der wir keinen Optimismus mehr ausdrücken, bringt uns eine Welt, in der wir nicht mehr leben wollen. Wir brauchen mehr Mut zum Optimismus, und der beginnt mit unserer Wahl der Worte.

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