Hüter des Status Quo: „Innovationsmanager“

Vor einigen Jahren lernte ich einen Innovationsmanager einer größeren Unternehmens kennen, der eine hausinterne Ideenplattform verwaltete. Auf dieser konnten Mitarbeitende Vorschläge zu allen möglichen Dinge machen. Sie konnten neue Produkte vorschlagen und Verbesserung von bestehenden Prozessen und Dienstleistungen einbringen.

Solch ein Konzept eines innerbetrieblichen Vorschlagwesen haben viele Firmen, doch ihr Erfolg hält sich in Grenzen. Mitarbeitende beklagen, dass sie oft kein oder wenn, dann sehr spät und dann zumeist ablehnendes Feedback erhalten. Die Vorschläge verschwinden im Nirwana.

Über die Jahre haben ich dabei drei Typen von Innovationsmanagern identifiziert.

1. Der Türsteher

Nicht so bei diesem Innovationsmanager. Er beschwerte sich bei mir, wie dumm die eingebrachten Ideen wären, und wie viel Zeit er verschwenden würde, im Feedback an die Einreichenden die Gründe aufzuzählen, warum diese Ideen so dämlich seien.

Hier half auch nicht, dass der ganze Vorschlagprozess in „Gates“ – also Tore – geteilt war, wo Ideen evaluiert und die meisten gleich zu Anfang ausgeschieden werden. Die weiteren Gates waren wieder Hürden für die im ersten Schritt erfolgreichen. Seine Aufgabe verstand er, als ob er ein Türsteher wäre, der Ideen draußen zu halten hatte. Statt sich als „Scout“ zu sehen, der aktiv nach Ideen oder problematische Prozesse und Produkte suchen sollte, wartete er lieber und ließ dann die Keule nieder.

Aus eigener Erfahrung kenne ich diese Vorschlagsysteme zur Genüge. Eine Anekdote zeigt dabei, wie Vorschläge, die dann doch mal durchgelassen, selektiert werden: ein halbes Jahr nach der Einreichung wurde meine Idee abgelehnt. Kurz nach dem abschlägigen Bescheid erfuhr ich, dass ein Manager aus der Gruppe dieselbe Idee – was uns beiden nicht bekannt war – eingebracht hatte. Sein Vorschlag war umgesetzt, mein identer abgelehnt worden. Es handelt sich um Ideentheater, bei dem am Ende die Manager sich selbst die eigenen Ideen genehmigen – und den damit verbundenen Bonus einkassieren.

2. Der Status-Quo-Verteidiger

Während der Türsteher aktiv ausführliche Gründe gegen eingebrachte Vorschläge findet, versuchen andere Innovationsmanager den Status Quo zu erhalten und schön zu reden. Einer, der bei einem Motorradhersteller arbeitete, war damit beauftragt, neue Technologien zu analysieren und Konzepte für deren Verwendung zu erarbeiten.

Nun tut sich in der Mobilitätsbranche einiges: so ist einerseits der Umstieg von Verbrennungskraftmotoren auf elektrische Antriebe bereits im vollen Gange, und mit autonomen Fahrzeugen steht die nächste Disruption vor der Tür. Man sollte also meinen, dass ein Innovationsmanager begierig wäre, diese neuen Technologien zu verstehen, wie sie bestehende Produkte verändern, und welche neuen Möglichkeiten sich damit ergäben.

Doch im Gespräch lobte dieser Innovationsmanager Motorräder mit Verbrennungskraftmotoren und listete alle Fehler auf, die er bei Elektromotorrädern gefunden hatte. Autonome Fahrtechnologie konnte er sich auf Motorrädern ganz und gar nicht vorstellen, denn Motorräder seien „pure Emotion“.

Nun, das hatte wohl mein 1900 geborener Urgroßvater auch gesagt, als er er zum ersten Mal Autos sah. Pferde waren „pure Emotion“ und keine „kalten Metalle“.

3. Der Problem-Nichterkenner

Wir sprechen oft von der Rückständigkeit Europas in Sachen Innovation und Digitalisierung. Nicht nur hat mein Heimatkontinent nicht viel bei den letzten fünf oder sechs Technologiewellen mitzureden (Internet, mobile Geräte, soziale Medien, autonomes Fahren, künstliche Intelligenz etc.) und keine global bedeutsame Firma aufbauen können, auch bei den Behörden gehen Technologieinnovationen scheinbar spurlos vorbei. Abgleichung von Daten zwischen den Behörden? Übertragung von Anträgen auf digitalem Wege? Online-Termvereinbarung bei einer Behörde? Weit gefehlt. Daten müssen von den Bürgernden mehrfach eingetragen werden, Abgleichfehler führen zu einer Behördenodyssee, Formular müssen ausgedruckt am Amt abgegeben werden, und für Termine muss man sich in einer Warteschlange stundenlang anstellen.

Das ist das Deutschland von 2025 und viele solche oft haarsträubenden Beispiele sind auf meiner LinkedIn-Gruppe Digital Doof DACH aufgezählt. Die Gründe für diesen analogen Status Quo sind vielfältig, aber ein Grund wurde mit anhand der Reaktion von Leuten auf einen aktuellen LinkedIn-Post klar.

Darin berichtet der Gründer eines Beratungsunternehmens eigentlich von einer freudigen Nachricht: er hatte innerhalb eines Jahres ein Umsatzwachstum von 159 Prozent zu vermelden. Gefreut hat er sich, bis er vom Finanzamt einen Schrieb erhielt, der im Inhalt auf dieses Umsatzwachstum einging und im Ton eine Pauschalverdächtigung enthielt:

Sehr geehrter Herr Steinhofer,
ich bitte um kurze schriftliche Erläuterung, woraus die Erhöhung der steuerpflichtigen Umsätze um <redigiert> um 159 % im Zeitraum Februar 2024 bis Januar 2025 im Vergleich zu dem Zeitraum Februar 2023 bis Januar 2024 resultiert.
Ich bitte um Erledigung bis zum 12. Juni 2025

Angegeben sind noch einige Rechtsgrundlagen, aber dann bitte Dalli DallI! Vielleicht bin ich etwas zu sensibel, aber der Ton schien mir doch nicht angebracht. Es klingt sehr stark nach einem Pauschalverdacht des Finanzamts, dass es sich hier um zweifelhafte Geschäfte dieses Beratungsunternehmens handeln könnte. Und ja, es gibt Kriminelle, die Gelder waschen, doch um wie viele Wirtschaftsaktivitäten handelt es sich dabei? 1%? 2%? Das heißt nicht, dass man einen scharfen Ton annehmen muss, um 98% oder 99% der ehrlichen Unternehmen so anzuschnauzen. Solch einen Ton haben sich auch die DDR-Bürger nach einigen Jahren nicht mehr gefallen lassen.

Während eine Reihe von Kommentatoren zu diesem LinkedIn-Post den Ton des Finanzamts als ebenso kritisch empfanden, stachen einige heraus, die nicht so dachten. Sie wollten oder konnten, so wie dieser, das Problem einfach nicht erkennen und sprachen es klein:

Ganz ehrlich? Nicht über jede Kleinigkeit nachgrübeln, das ist Kategorie „dämliche Textbausteine mit einem grundsätzlich berechtigten Hintergrund“. Erlebt man neben Behördenthemen auch als Kunde der Telekom, diverser Banken etc. täglich. Schriftlich, in Telefonschleifen…Wenn ich mich da jedes mal aufregen oder einen LinkedIn Post schreiben würde hätte ich viel zu tun.
Wer sich gerne aufregen will: Bitte.

Die Ironie dabei: dieser Kommentar kam von einem „Referent für Innovation und digitale Transformation“, also jemanden, der mit offenem Ohr und sehenden Auge durch die Welt gehen sollte, um seine Aufgabe erfüllen zu können. Nicht nur macht er das willentlich nicht, er findet auch noch Gründe, warum diese Vorgehensweise – Generalverdacht auf illegale Wirtschaftsaktivitäten – und damit dieser Ton des Finanzamts berechtigt sei. Auch zieht er ein Whataboutismus-Argument heran: „Erlebt man neben Behördenthemen auch als Kunde der Telekom, diverser Banken etc. täglich„. Es sei also nicht so schlimm, weil andere es auch machen.

Es überrascht nicht, dass dieser Kommentator beim Rechnungshof Baden-Württemberg, also bei einer dem Finanzamt verwandten Behörde, arbeitet. Und die Bürgernden denken nach wie vor naiv, dass sie es irgendwann mit einem digitalisierten Behördenapparat zu tun haben werden, der ihnen auch Respekt und rasche Dienstleistungen entgegenbringt.

Schlussfolgerung

Wenn ich auf Angestellte einer großen Firma kennenlerne, die „Innovationsmanager“ im Titel führen, klopfe ich sie immer zuerst danach ab, wie sie sich selbst sehen und welche Worte sie für sich verwenden. Sehen sie sich als Türsteher, als Scout, wie sprechen sie über Ideen und Technologien (sehen sie diese als Chance oder vor allem als Risiko?), und was außer bunten Möbeln in einem Innovationsraum haben sie bislang durchgesetzt? Und warum haben sie ein altes iPhone, sind mit ihrem 17 Jahre alten Mercedes sehr zufrieden und stehen ChatGPT im Speziellen und KI im Allgemeinen skeptisch gegenüber?

Meine Erfahrung ist, dass es sich in vielen Fällen um Innovationstheater handelt. Die Personen, die den Titel Innovationsmanager tragen, sind in ihrem Charakter, ihrer Einstellung, ihrer Neugier für Neues oft völlig ungeeignet. Das war bereits Thema meines Buches Future Angst, das den Renaissancemenschen Leonardo da Vinci, der sich für so Vieles interessiert hatte, den heutigen Innovationsmanagern gegenüberstellt.

Notiz: Ich kenne aber auch Innovationsmanager in großen Firmen, die aktiv als „Scout“ aufgetreten sind, doch diese waren nicht immer gern gesehen. Denn sie „machten Wellen“ und das ist nicht allen angenehm.

FUTURE ANGST

Welche aktuellen Ängste prägen uns? Mit welchen Ängsten waren die Menschen in der Vergangenheit konfrontiert, als es die heutigen Technologien noch nicht gab? Warum mischen wir heute im Wettbewerb der Kulturen um neue Technologien nicht ganz vorne mit? Welche Maßnahmen müssen wir ergreifen, um neue Technologien nicht als etwas Beängstigendes und Feindseliges zu betrachten, sondern als ein Mittel zur Lösung der großen Probleme der Menschheit? Innovationsexperte Dr. Mario Herger stellt in „Future Angst“ die entscheidenden Fragen in Bezug auf Technologie und Fortschritt und zeigt professionelle und zukunftsweisende Lösungen auf. Mit seinem Appell „Design the Future“ bietet Herger einen unkonventionellen und transformativen Ansatz für ein neues, human geprägtes Mindset.

Erhältlich im Buchhandel, beim Verlag und bei Amazon.

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