Das deutsche Technologie-Paradoxon

Im Land der Dichter und Denker kam vor zwei Jahrhunderten auch der Stolz auf die heimischen Ingenieure und Ingenieurinnen hinzu. In der Chemie und Pharmazie, dem Maschinen- und Automobilbau ist man zu Recht stolz auf die Leistungen und Errungenschaften, mit der die Welt aus dem deutschen Sprachraum beglückt wurde und wird.

Während man den anderen Leuten die eigene Technologie anpreist und vertickert, hhat man gleichzeitig schwere Bedenken vor den Technologien anderer Leute.

„Philosophieren“ oder doch „Zerreden“

Wenn es um Technologien anderer Leute aus der jüngsten Vergangenheit geht, wie dem Smartphone, dem Internet, den sozialen Medien oder der KI – alles Technologien übrigens, zu denen der deutschsprachige Raum wenig eigene Technologie und Unternehmen vorzuweisen hat – treten sofort die professionellen Bedenkenträger auf. Da werden die vermeintlichen und echten Risiken und Gefahren aufgezählt, werden wortgewaltig und mit unantastbarer Autorität deutsche Philosophen zitiert und der zivilisatorische Kollaps prophezeit.

Lustigerweise finden solche Diskussionen um heimische Technologien kaum statt. Die Gefahren und Risiken des Maschinenbaus und der Chemie? Solche von Autos? Da entrüsten sich Experten eher über die mögliche Einführung von Geschwindigkeitsbegrenzungen auf deutschen Autobahnen. Keine TV-Runde, die zu den negativen Auswirkungen von Fertigungsmaschinen aus deutscher Produktion diskutieren lässt. Kein gewählt werden wollender Politiker, der wegen Autos aus heimischer Produktion den zivilisatorischen Kollaps an die Wand malt.

Technologien anderer – man denke nur an das jüngste Beispiel Künstliche Intelligenz – hingegen werden zuerst und vorwiegend als Bedrohung gesehen. Da philosophiert man lang und breit über die ethischen und moralischen Erschütterungen, die diese brächten. Da wird nach Schutzmaßnahmen und Regelwerken gerufen, und die Unternehmensführer vor parlamentarische Ausschüsse zitiert.

Dabei ist man noch stolz auf diese Vorgehensweise, klopft sich auf die Schulter, weil man als Einzige die Gefahren und Risiken erkannt hat und dagegen vorgeht. Man brüstet sich mit dieser Vorgehensweise, spricht euphemistisch vom „Philosophieren“, wenn man über diese Themen lang und breit und recht einseitig diskutiert. Dabei wäre „zerreden“ der bessere Begriff, denn es ist immer peinlich offensichtlich, wie wenig eigene Erfahrung die meinungsstarken Diskutanten mit den zu zerpflückenden Technologien haben. Ganz im Gegenteil: es wird oft als Auszeichnung gesehen, dass man mit dieser Technologie (aus dem Ausland) nichts zu tun haben will und man sich dieser standhaft verweigert.

Obwohl der Begriff Philosophie wörtlich die „Liebe zur Weisheit“ bedeutet, stellt die genannte Art des Philosophieren das genaue Gegenteil dar. Weder wird man weise, noch liebt man den damit verbundenen Erkenntnisprozess.

Die Angst des Unwissens

Delegationen aus dem deutschen Sprachraum, die ich im Silicon Valley empfange, machen das immer wieder deutlich. Kommt die Rede auf beispielsweise autonome Autos, kommen sofort Fragen wie „Und wenn es unsicher ist, kann ich da aussteigen?“, „Was ist, wenn ein Unfall passiert?“, „Kann ich jemanden kontaktieren, wenn es Gefahr gibt?“. Oder Aussagen wie „Wenn ich eines an der Kreuzung warten sehe, gehe ich immer hinten herum, man weiß ja nie.“ Das sind übrigens alles Aussagen, die mir in den vergangenen Wochen von mehreren Teilnehmern gestellt worden sind.

Sobald die Teilnehmer die erste Fahrt im autonomen Auto absolviert haben, also die Technologie selbst erlebt haben, zerstreuten sich diese Fragen in den Wind. Der Fokus kam sofort auf Fragen wie „Wann wird es das bei uns geben?“ oder „Warum haben wir das selbst noch nicht?“

Da ich Vorträge und Workshops zu solchen neuen Technologien aus dem Silicon Valley abhalte, sehe ich immer den Perspektivwechsel bei den Teilnehmern. Von der Skepsis vor dem KI-Workshop oder der Robotaxifahrt zu einer, bei der vor dem geistigen Auge die Möglichkeiten heruntergerattert werden.

Leadership

Um die Neugier an neuen Technologien zu kultivieren braucht es Führungsstärke. Ein Vorstand muss diese Neugier nicht nur anordnen, sondern vorleben. Manager, die sich für ein Elektroauto entscheiden, selbst KI-Werkzeuge anwenden und über die Möglichkeiten in den eigenen Produkten, Dienstleistungen und Prozessen mit den Mitarbeitenden reden, schaffen solch eine Kultur.

Shopify-CEO Tobias Lütke ging sogar noch einen Schritt weiter. In einer firmeninternen E-Mail an alle Mitarbeitenden machte er den Einsatz von KI-Werkzeugen verpflichtend. Er wird sogar bei Mitarbeitergesprächen und in der Leistungsbeurteilung zu einem Kriterium. Dafür würden Mitarbeitenden auch ein kleines Budget bereitgestellt, mit dem sie die Abonnements von KI-Werkzeugen ihrer Wahl bezahlen können.

Das Signal ist klar: hier wird nicht nur darüber geredet, es wird auch Hand angelegt. Die Erfahrungen zu den Möglichkeiten und Limitationen einer neuen Technologie macht erst gute Ideen zur Verwendung im eigenen Haus möglich. Und der CEO setzte die Initiative und geht mit gutem Beispiel voran.

Schlussfolgerung

Um weiterhin zu den führenden Technologienationen zu zählen, muss man sich die auf dem Laufende halten, was andere Technologienationen machen. Deren Technologien müssen ausprobiert werden, von den Herangehensweisen der Unternehmen gelernt werden, und letztendlich das Beste mit dem eigenen Besten verknüpft werden.

Dazu braucht es Führungsstärke. Das Interesse an Technologie kann nicht nur delegiert werden, es muss von der Führungsschicht vorgelebt werden. Mehr Hand anlegen statt zu philosophieren oder korrekter, zerreden, und das ohne Wenn und Aber, und ohne die alten Technologie nostalgisch zu verklären und daran festzuhalten ohne sie einem Änderungsprozess unterziehen zu wollen, ist der einzige Pfad vorwärts. Und er löst das Technologie-Paradoxon auf.

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