Duzen oder Siezen auf sozialen Medien?

Soziale Medien sind nicht unbedingt für den freundlichen Umgangston der Benutzer untereinander bekannt, eine Frage die aber regelmäßig speziell auf professionellen Netzwerken wie LinkedIn oder XING, aber auch Twitter, aufzutauchen scheint, ist die Frage nach der formellen Anrede. Es scheint allgemeine Etikette zu sein, dass sich die Teilnehmer duzen. Gerade während der COVID-Pandemie sahen soziale Netzwerke aber einen verstärkten Zulauf an neuen Mitgliedern und damit auch von Leuten, die mit dieser Etikette nicht vertraut waren.

Das führte sofort zu Reaktionen, die in der Art „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich Ihnen das Du-Wort angeboten habe“ lauteten. Und damit kommt regelmäßig die Frage hoch, was ist angebracht: Siezen oder Duzen? So wie beispielsweise in diesem Diskussionsfaden auf LinkedIn oder in diesem als zwei von unzähligen Diskussionen.

Der informelle Raum

Der bekannte deutsche Influencer Rezo hat dazu schon 2020 in einer Zeit-Kolumne mit dem Titel Entschuldigung, seit wann siezen wir uns? eindeutig Stellung bezogen. Er dreht die Frage um, wieso Leute glauben, ihn auf sozialen Medien Siezen zu dürfen. Auf sozialen Medien, die als informeller Raum begonnen hat und damit eine eigene Etikette verlangt.

Auch führt er ganz richtig an, dass es das formelle Sie erst seit knapp zwei Jahrhunderten gibt, vorher galt das formelle Er. Dieses erscheint aus heute archaisch. Auch zeige diese Formalität immer ein Status- beziehungsweise Hierarchiegefälle oder einen Altersunterschied an. In Zeiten von sozialen Medien, in der Autorität und Einfluss nicht mehr alleine durch traditionelle Institutionen vergeben wird, sondern durch gezeigte Expertise und Followerzahlen, hat sich diese geändert, oder korrekter gesagt, verflacht.

Ich bemerke dabei oft, dass vor allem diejenigen auf das Siezen Wert zu legen beginnen, die in den Diskussionen auf sozialen Medien fachlich unterliegen. Sie flüchten sich in diese Formalismen. Mir begegnete dieses Verhalten schon in der Vergangenheit, wenn sich bestimmte Personen mit ihrem akademischen Titel am Telefon melden. Oft fehlte diesen die fachliche Kompetenz, die sie durch das Bestehen auf die formelle Ansprache zu kompensieren versuchten.

Informelle Innovation

Im Silicon Valley, wo ich seit mehr als zwei Jahrzehnten lebe, geht man recht informell miteinander um. Was Delegationen rasch bemerken ist, dass hier sich alle mit dem Vornamen ansprechen. Dabei hilft, dass es im Englischen keine Unterscheidung zwischen einer formellen und informellen Adressierung kommt. Es gibt einfach nur das you. Schon bei der deutschen Softwareschmiede SAP, bei der ich 15 Jahre lang arbeitete, galt das Du als Ansprache unter den Mitarbeiter:Innen. So fand ich oft erst Jahre später heraus, welchen akademischen Titel meine Kolleg:Innen hatten. Einige waren sogar habilitiert, und machten darum kein großes Aufreiben. Das waren genau die mit den Birkenstocksandalen, kurzen Hosen und kurzärmeligen T-Shirt, die das meiste am Kerbholz hatten. Bei denen mit dem Bestehen auf Formalitäten sah es anders aus.

Aber es hat noch eine andere Bedeutung. Die Frage von Besuchern, wie die Leute im Silicon Valley all diese Ideen haben und so innovativ sind, hat viel mit diesem informellen Umgang zu tun. Um sich psychologisch sicher zu fühlen und damit Ideen ausdrücken zu können, darf man nicht ständig an Hierarchien, Status und Titel denken.

Klingt meine Idee blöd vor meiner Managerin?
Mache ich mich lächerlich vor dem Vorstand, wenn ich das jetzt sage?
Ich kann es mir nicht erlauben, blöd zu klingen, immerhin bin ich doch Akademiker.

Der zweifache Nobelpreisträger Linus Pauling sagte dazu einmal auf die Frage, wie man auf gute Ideen käme, „Um gute Ideen zu haben muss man viele Ideen haben.

Mit den angeführten ängstlichen Gedanken vorenthält man aber anderen viele Ideen und damit die Möglichkeit, auf gute Ideen zu kommen. Vielleicht hilft darüber hinweg, dass fast jede Idee im ersten Moment dämlich klingt. Eine Plattform, auf der sich Benutzer 140 Zeichen Textmeldungen schicken können? Eine Dampfmaschine auf einer Kutsche? Das klang alles als ziemlich dämliche Idee. Heute können wir uns das nicht mehr wegdenken.

ich selbst Duze alle beinhart. Und das habe ich aus den genannten Gründen schon in meinem 2016 erschienen Buch Das Silicon-Valley-Mindset geschrieben:

Weil Status und Formalitäten, die auf einen Rang hinweisen, Innovation behindern können, werde ich in diesem Buch konsequent das verfolgen, was ich bereits seit Jahren bei Kontakten mit Europäern mache: Ich duze jedermann und -frau ohne Ansehen von Rang und Status. Das hat nichts mit Respektlosigkeit zu tun, sondern erlaubt, den Status quo hinterfragen zu dürfen, egal ob mein Gesprächspartner eine Vorstandsvorsitzende, ein Minister oder eine Professorin ist. Was zählt, sind nicht vergangene Leistungen, sondern was wir hier und jetzt gemeinsam für die Menschheit tun können.

Auf diese Weise gewöhne ich dich gleich Schritt für Schritt an die Silicon-Valley-Mentalität und zeige dir auf, wie du selbst diese übernehmen kannst.

Auszug aus meinem Buch Das Silicon-Valley-Mindset
Das Silicon-Valley-Mindset

Das Silicon-Valley-Mindset

»Das Silicon Valley Mindset« beschreibt, warum Menschen und Unternehmen im Silicon Valley so extrem innovativ sind und derzeit unternehmerisch dem Rest der Welt überlegen erscheinen.

Das Silicon Valley ist eine schier unerschöpf­liche Quelle an Innovationen, die immensen Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft weltweit ausüben. Viele Europäer betrachten diese Entwicklungen skeptisch und werden darin von Medien und deren Experten bestärkt, die sich in Panikmache üben und vorwiegend die Gefahren und Risiken herausstreichen. Dr. Mario Herger rückt die Dinge zurecht und zeigt: Die Innovationsmentalität aus dem Silicon Valley ist erlernbar. Anhand von Interviews und Schritt-für-Schritt-Anleitungen zeigt dieses Insider-Buch, wie die Silicon-Valley-Mentalität mit den eigenen Stärken kombiniert werden kann.

Erhältlich im Buchhandel, beim Verlag und bei Amazon.

Ich erinnere mich an eine Begegnung mit einem damaligen ÖBB-Chef, der kurze Zeit später österreichischer Bundeskanzler werden sollte. Er stand der ganzen Idee des Duzens skeptisch gegenüber, als ich ihm das beim Abendessen in San Francisco erklärte. Zwar will ich ihm die Kompetenz nicht absprechen, aber er wurde in den Medien sehr rasch als Diva identifiziert. Und das stand ihm im Weg bei seiner politischen und damit öffentlichen Karriere.

Aber zurück zu Ideen und Innovation. Gerade bei Innovationen sollte der Respekt vor den Ideen und Meinungen der anderen im Team hochgehalten werden. Mein Plädoyer ist hier, eine kreative Innovationskultur zu schaffen, die man durch einen kleinen Schritt erleichtern kann: indem man sich respektvoll duzt. Dass dabei nicht jeder Geduzte und Gesiezte den gleichen Respekt verdient, soll folgende Anekdote beweisen:

Ein gerade frisch ernannter österreichischer Minister trifft zum ersten Mal in den Amtsräumen seines neuen Herrschaftsbereichs ein. Die Ministerialbeamten stehen Spalier und warten ungeduldig auf ihn. Unter den Beamten befinden sich mehrere alte Schulkollegen aus Gymnasialzeiten des Ministers, die sich eine freundschaftliche Zusammenarbeit mit ihm erhoffen. Als der Minister eintrifft, tritt der ranghöchste Beamte, ebenso ein ehemaliger Schulkollege des Ministers, auf ihn zu und begrüßt ihn herzlich mit

„Servus, lieber Minister und lieber Freund. Wir sind stolz darauf, dass du nun unser Chef bist und heißen dich herzlich willkommen!“

Aus der Miene des so Angesprochenen ist deutlich zu lesen, dass er mit dieser informellen Begrüßung nicht einverstanden ist. Er adressiert alle Anwesenden von oben herab und mit dem formalen ‚Sie‘. Als er fertig gesprochen hat, wendet sich nochmals der ranghöchste Beamte an ihn: „Lieber Herr Minister, lassen Sie mich noch einmal das vertraute Du verwenden: Du Arschloch!“

Auszug aus meinem Buch Future Angst

Zusammenfassung

Die Zeiten ändern sich und damit auch die Umgangsformen. Dank sozialer Medien wird Duzen immer üblicher, und bedeutet nicht, dass sich die Menschen damit weniger respektieren. Ganz im Gegenteil: es fällt damit leichter, Ideen anderer zu respektieren und damit die Menschheit selbst in eine besser Welt zu bringen.

Was meint ihr?

Bücher zum Silicon Valley, der Zukunft, künstlicher Intelligenz, dem aufregenden Thema Innovation, der Automobilindustrie oder wie man sich bloß nicht entschuldigt, mit anderen Worten alles gute Bücher von mir.
Und die will ich Dir ans Herzen legen.
Alle Bücher gibt es bei Amazon, beim Plassen- und Beck-Verlag oder beim Buchhändler des Vertrauens.
Sogar als ebook gibt es sie beispielsweise hier.

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