Die Zeit, als die San Franciscaner sich gegen die Golden Gate Brücke sträubten

Was steht sinnbildlicher für San Francisco, als die Golden Gate Brücke? In der Stadt, in die es jedes Jahr Millionen von Touristen zieht, ist die orangefarbene Brücke ein Symbol für den Westen, den Optimismus, den Charakter von San Francisco, aber auch für die Technologieschmiede und die Innovationsweltmeister der Welt: dem Silicon Valley.

Was uns heute selbstverständlich erscheint und wir San Francisco nicht besuchen können, ohne einen Blick auf und ein Selfie vor der berühmtesten Brücke der Welt geworfen und aufgenommen haben, war allerdings nicht immer so unumstritten. Ganz im Gegenteil: wäre es nach den Anwohnern gegangen, wäre das Projekt nie zustanden gekommen.

Als in den frühen 1920er Jahren die ersten Entwürfe einer Brücke, die San Francisco und Marin County verbinden sollten, im San Francisco Chronicle erschienen, wurde sie sofort kritisiert. Sie sei ein Ding der technischen Unmöglichkeit, wäre zu teuer, würde die Aussicht zerstören, die Schifffahrt und damit den Handel behindern, und vor allem würde dieses hässliche Ungetüm Touristen verschrecken.

Die lautesten und verständlichsten Gegner waren Vertreter der Pacific American Steamship Association, die unter anderem die Interessen von Fährbetrieben vertraten.

Der gegenwärtige Plan für eine Brücke über die Golden Gate ist eine Bedrohung für unseren Hafen, die von jedem abgelehnt werden sollte, dem die Interessen von San Francisco und seinem Handel am Herzen liegen.

Pacific American Steamship Association, 1930

Aber auch die Farmer aus Sonoma nördlich von San Francisco sprachen sich gegen die Brücke aus. Nicht nur das, sie versuchten die Schaffung einer Gesellschaft zum Betrieb der Brücke zu verhindern.

Mehr als 2.000 Klagen wurden von Anwohnern eingereicht, sodass sogar aus Nordkalifornien eigens ein Richter abgestellt wurde, der sich ausschließlich um die Klagen kümmern sollte. Besonders lautstark waren Schriftsteller. Bekannte Schriftsteller und einflussreiche Journalisten sprachen sich gegen die Brücke aus, weil sie das perfekte Bild der Natur entstellen würde.

Man muss um San Franciscos willen hoffen, dass das Projekt nie verwirklicht wird. Warum sollte man einen der romantischsten Ansätze in der gesamten Geografie verderben?

Katherine Gerould im Harper’s Magazine

Eine Anleihe, die die damals gewaltige Summe von 33,7 Millionen Dollar für den Bau der Brücke bringen sollte, wurde aufs Schärfste bekämpft. Dieses ständige Hin und Her verzögerte den Bau der Brücke, der erst ein Jahrzehnt nach den ersten Vorschlägen begonnen werden konnte. Noch einen Tag vor der Abstimmung zur Genehmigung der Anleihen schalteten die Southern Pacific Fähren Zeitungs- und Radiowerbung, in denen sie gegen die Anleihen Stimmung machten.

Die Proteste halfen aber alles nichts. Die Anleihe wurde mit überwältigender Mehrheit von der Bevölkerung angenommen und die Brücke wurde am 27. Mai 1937 eingeweiht. Statt dem geplanten Grau wurde die Brücke mit dem heute so bekannten „Internationalen Orange“ bepinselt, ein Klassiker war geboren.

Fast ein Jahrhundert und Milliarden von Besuchern später schmunzeln wir nur mehr über die Einwände der Altvorderen, die sich dagegen sträubten. Bis auf die Proteste der Southern Pacific Fähren, die nur kurz nach der Eröffnung der Brücke den Betrieb einstellen musste, schmolzen alle anderen Einwände dahin.

Wir denken da heute anders, und protestieren sicherlich nicht gegen eine Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen San Francisco und Los Angeles, oder einen neuen Bahnhof in Stuttgart, oder einen Tunnel zwischen Dänemark und Deutschland, oder neue Windräder, oder die Tesla-Fabrik in Berlin. Uh oh, Moment…

Zu dieser Ängsten der Vergangenheit und Gegenwart schreibe ich übrigens in meinem Buch Future Angst mit mehr Geschichten aus der Geschichte.

FUTURE ANGST

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