Die Stimmung sei schlecht im Lande, habe ich gerade erst von Freunden gehört, und warum genau, dazu gibt es viele Gründe. Der Ursprung liegt allerdings auch in unserem Erfolg der letzten Jahrzehnte, denn dieser machte uns zu selbstsicher. Das merke ich immer wieder bei Gesprächen in vertrauter Runde oder auf Bühnen, wo es unweigerlich jemanden gibt, der meint, „wir sind gut aufgestellt“, „wir sind besser als <beliebige amerikanische Firma>, oder „die würden das nie können“ oder „die müssen erst mal beweisen, dass…„.
Vor sechs Jahren machte ein Auftritt des damaligen VW-Chefs Matthias Müller die Runden, als er sagte, man solle „die Kirche im Dorf lassen“ was Tesla anginge und jede Menge Gründe anführte, warum Tesla nicht ernstzunehmen sei. Diese Aussagen sind nicht sehr gut gealtert, denn mittlerweile muss man sich um VW Sorgen machen, das Absatzschwierigkeiten und Produktionsprobleme mit seinen Elektroautos hat.
Diese Aussagen fallen in eine Reihe mit vielen anderen, wie auch in diesem Interview, wo beispielsweise bei Selbstfahrtechnologien den deutschen Herstellern bescheinigt wird, sie seien „ganz vorne mit dabei„. Solche Aussagen leisten dabei Deutschland einen Bärendienst. Sie wiegen uns in Sicherheit, sie lullen uns ein, sie verleugnen Dringlichkeit. Denn wie das, was Mercedes oder BMW, wie türkise Lichter, Drive Pilot oder Intelligent Park Pilot vorzuweisen haben, einzuordnen ist, habe ich in mehreren Blogs ausführlich behandelt. Es handelt sich dabei um die bessere Kerze, während andere die Glühbirne entwickeln.
Der Fokus richtet sich auf das, was man kennt, womit man vertraut ist, wo man Expertise hat und stolz darauf ist. Dabei übersieht man leicht, dass man nur am Podest, nicht aber an der Statue darauf arbeitet, wie ich in diesem Beitrag aufgeschlüsselt habe. Und man weiß es teilweise gar nicht. Diese gefährliche Mischung aus Arroganz und Ignoranz, oder wie man in den USA mittlerweile dazu sagt „Agnoranz„, wird durch eben solche Experten und den Medien kolportiert.
Einluller und Abwiegler
Ein Beispiel stammt vom Handelsblatt von vor ein paar Monaten, wo der in San Francisco lebende Korrespondent in den ersten 80 Prozent seines Beitrags über seine Erfahrungen mit dem fahrerlosen Robotaxis von Waymo nur über die (angeblichen) Fehler und Probleme berichtet, und erst ganz zum Schluss sagt, dass eigentlich eh alles toll war. Was denkt sich die durchschnittliche Ingenieurin wohl dazu, die solch einen Beitrag liest und ihre Schlussfolgerungen für die eigenen Anstrenungen zieht? „Die Amis können es auch nicht, und wir brauchen uns nicht davor zu fürchten.“ Ein Bärendienst, der uns zurückfallen lässt.
Schlimmer ist es, wenn es als „Hype“ bezeichnet wird und dass die Technologie es nie schaffen wird. Bestes jüngstes Beispiel war ChatGPT und das bayrische Abitur. Anfang Februar 2023 wurde ChatGPT 3/3.5 das bayrische Abitur vorgelegt, um zu sehen, ob es dieses absolvieren kann. Das Ergebnis war lauf BR24 dürftig, ChatGPT konnte nicht beeindrucken. Wie denn auch, denn wie BR24 berichtet,
„Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit, nichts kann ChatGPT besser als das“, konstatierte der Technikphilosoph Mads Pankow bereits im Dezember. Die Technikjournalistin Eva Wolfangel wiederum bezeichnete ChatGPT als „Sprachgewaltiges Plappermaul“ und als „Gewohnheitslügner“
Drei Monate später sah die Sache völlig anders aus. Die neue Version ChatGPT 4.0 bestand im Mai 2023 das bayrische Abitur mit Bravour. War man vorher noch überheblich und stolz, dass ChatGPT das bayrische Abitur doch nicht ablegen könne, war man dann im Mai eher kleinlaut. Dabei war schon die ursprüngliche Süffisanz zu den ersten Ergebnissen unangebracht. Denn sie signalisierte im Ton der Verfasser, dass die Beschäftigung mit ChatGPT oder anderen generativen KIs wegen solcher Mängel eben unproduktiv seien. Die Dringlichkeit wurde geleugnet, KI als Hype deklariert, der wohl bald wieder weggehen würde. Und so verlieren Leserinnen, die diesen Worten glauben, Zeit, sich mit einer solchen neuen Technologie auseinanderzusetzen und eigene Anwendungsgebiete zu finden. Als ChatGPT das Abitur dann doch lösen konnte, und das mit Bravour, war plötzlich Feuer am Dach. Wieso hatte man sich nicht früher damit beschäftigt? Ach ja, es wurde ja von Experten und Medienleuten als vorübergehender Hype und nicht ernst zu nehmene Technologie dargestellt.
KREATIVE INTELLIGENZ
Über ChatGPT hat man viel gelesen in der letzten Zeit: die künstliche Intelligenz, die ganze Bücher schreiben kann und der bereits jetzt unterstellt wird, Legionen von Autoren, Textern und Übersetzern arbeitslos zu machen. Und ChatGPT ist nicht allein, die KI-Familie wächst beständig. So malt DALL-E Bilder, Face Generator simuliert Gesichter und MusicLM komponiert Musik. Was erleben wir da? Das Ende der Zivilisation oder den Beginn von etwas völlig Neuem? Zukunftsforscher Dr. Mario Herger ordnet die neuesten Entwicklungen aus dem Silicon Valley ein und zeigt auf, welche teils bahnbrechenden Veränderungen unmittelbar vor der Tür stehen.
Gleichzeitig gibt es überraschend viele Ingenieure, die ganz ausführlich erklären, warum etwas nie und nimmer funktionieren kann. Ein solches Beispiel habe ich meinem Buch Future Angst gebracht, wo an der TU München nach meinem Vortrag zum Stand von autonomen Auto ein Physikabsolvent sich zu Wort meldete und überzeugt erklärte:
Ich habe ein Haus in den Bergen und im Winter ist das immer zugeschneit. Da muss ich zehn Kilometer über schneebedeckte Straße fahren, um dorthin zu gelangen. Das wird ein autonomes Auto nie können.
Das war im Jahr 2019, genau 50 Jahre nach der ersten bemannten Mondlandung. Das war einige Tage, nachdem die Voyager-2-Sonde unser Sonnensystem verlassen und endgültig in den interstellaren Raum vorgedrungen war. Und das ist beileibe kein Einzelfall. Wer erinnert sich nicht an die Prüfungsfragen in der Schule und an der Universität, die üblicherweise die Form von „Finde den Wert von x“ aufweisen? Ich kann mich nicht erinnern, dass je eine Aufgabe die Prüflinge aufforderte, alle Gründe zu finden, warum etwas niemals funktionieren könne. Was passiert hier in Deutschland, nachdem diese Leute die Ausbildungsstätten verlassen haben und in ihren Berufen dann solche Aussagen treffen?
FUTURE ANGST
Welche aktuellen Ängste prägen uns? Mit welchen Ängsten waren die Menschen in der Vergangenheit konfrontiert, als es die heutigen Technologien noch nicht gab? Warum mischen wir heute im Wettbewerb der Kulturen um neue Technologien nicht ganz vorne mit? Welche Maßnahmen müssen wir ergreifen, um neue Technologien nicht als etwas Beängstigendes und Feindseliges zu betrachten, sondern als ein Mittel zur Lösung der großen Probleme der Menschheit? Innovationsexperte Dr. Mario Herger stellt in „Future Angst“ die entscheidenden Fragen in Bezug auf Technologie und Fortschritt und zeigt professionelle und zukunftsweisende Lösungen auf. Mit seinem Appell „Design the Future“ bietet Herger einen unkonventionellen und transformativen Ansatz für ein neues, human geprägtes Mindset.
Hysteriker
Dabei gibt es neben Einlullern und Abwieglern die Hysteriker, die in unterschiedliche Formen auftreten. Da sind zuerst mal die Moralunternehmer, die ihren Lebensunterhalt und ihre Ansehen damit verdienen, vor neuen Technologien zu warnen. Würden wir sie nicht regulieren und zur Natur zurückkehren, dann drohe das Ende der Zivilisation wie wir sie kennen. Und dazu seien absolut keine Kompromisse mit den gierigen Ingenieuren einzugehen, die von Tuten und Blasen – pardon: Moral und Ethik – keinen blassen Schimmer hätten, und wir können das nur mit radikalen Maßnahmen verhindern. Richard David Precht oder Anders Indset sind Paradebeispiel von solchen Moralunternehmern.
Andere Hysteriker kommen aus den von den Änderungen betroffenen Industrien. Ihre Felle drohen ihnen wegzuschwimmen, die Technologien, an denen sie seit Jahrzehnten arbeiten und mit denen sie ihre Reputation und Expertise aufgebaut haben, droht nun auf dem Müllplatz der Geschichte zu landen. Und da sich viele mit ihrem Beruf und ihrer Technologieexpertise identifizieren und ihre Identität darauf basieren, ist das mehr als nur eine Technologieänderung. Man sieht das deutlich beim Übergang von Verbrennungskraftmotoren zu Elektroautos. Die Petromaskulinität kommt deutlich zum Vorschein.
Leitkultur?
Ist das die neue Leitkultur bei uns? Nicht die der Dichter, Denker und Ingenieurinnen, auf die wir so stolz sind? Wohin uns das führt scheint immer klarer zu werden. Gleichzeitig regiert eine Klasse an Bürokraten und Politikern, die uns immer weniger leistungsfähig macht. Wenn ich mir ansehe, welche Beispiele an digitalem Unsinn wir in der LinkedIn-Gruppe Digital Doof DACH gesammelt haben, macht mich das schaudern. Man erhält das Gefühl, wir wollen gar nicht mehr. Wir haben einfach aufgegeben.
Mich selbst machen solche Einluller und Abwiegler, und auch diese Hysteriker zornig. Deren Agenda ist einerseits (wie Matthias Müller), sich selbst und das eigene Unternehmen gut dastehen zu lassen. Die Konkurrenz wird belächelt und schlecht gesprochen, sich selbst überhöht man. Andererseits, wenn man es auf Beratungsaufträge oder auf Forschungsgelder abgesehen hat, pinselt man den Unternehmen und Vorständen den Bauch zu und sagt ihnen, wie toll sie sind und sie „ganz vorne mit dabei sind“. Die Hysteriker wiederum werden von einer Talkshow zur nächsten herumgereicht, weil es eine Win-Win-Win-Situation für alle Beteiligten ist. Die Moralunternehmer verdienen ihr Geld damit, die Journalistinnen klopfen sich stolz auf die Brust, weil sie einen Missstand aufgedeckt haben, und die Politikerinnen, weil sie die Ärmel aufkrempeln und tatenreich gegen diese neue Veränderung vorgehen können und diese kräftig zu Tode regulieren.
Dabei ist Dringlichkeit angesagt, denn in vielen neuen Technologien haben wir den Anschluss verloren. Mehrere der digitalen Giganten aus den USA und China sind einzeln ein Vielfaches von dem wert, was alle DAX-Unternehmen zusammen wert sind. Digitale Unternehmen, Elektronik, künstliche Intelligenz, und eben jetzt auch in der wichtigsten Industrie des Landes, der Autobranche, sind wir bei Elektroautos und autonomen Autos nur mehr unter ferner liefen.
Wenn wir Abwiegler, Einluller und Hysteriker bei der Definition der Leitkultur den Vortritt geben, dann haben wir den Abstieg verdient. Diese Attitüde, die China im 18. Jahrhundert einen mehr als 200 Jahre dauernden Abstieg brachte, drohen wir nun im 21. Jahrhundert für uns zu wiederholen.
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