KI und die simple Welt des Richard David Precht

Richard David Precht würde völlig nackt in der Welt herumlaufen, wäre er der perfekte Mensch. Folgt man den Argumenten in seinem neuesten Buch „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens: Ein Essay„, dann brauchen wir Technologie im Allgemeinen und künstliche Intelligenz (KI) im Speziellen nicht, weil der Mensch eh schon perfekt ist. Deshalb bräuchte Precht auch keine Schuhe, Kleidung und Brillen, denn das sind alles vom Menschen geschaffene Technologien und Kulturgüter um uns perfekter zu machen. Und dass uns KI perfekter machen soll, wie er KI-Forschern pauschal unterstellt, bräuchten wir KI auch nicht.

Ich habe das Buch von vorne bis hinten gelesen und wieder zurück geblättert: an keiner Stelle wird der Begriff Intelligenz definiert, oder generell der Versuch gemacht, Begriffe zu definieren. Sie werden einfach eingestreut und teilweise falsch verwendet, wie es ihm beispielsweise bei Emotionen und Gefühle geschieht.

Gleich zu Beginn stellt Precht klar, dass er darüber erhaben sei, Künstliche Intelligenz selbst zu erklären. Also technisch, wie KI funktioniert. Und damit auch eigentlich was KI ist. Schade, denn vielleicht hätte er selbst KI und deren Limitationen und Möglichkeiten besser verstanden und seine Argumentation geändert. ich werfe ihm das auch deshalb vor, weil ich selbst ein Buch zu KI („Wenn Affen von Affen lernen: Wie uns KI erst richtig zum Menschen macht„) geschrieben habe und mit Hilfe von Begriffsdefinitionen die LeserInnen an das Thema besser heranzuführen versuche.

Was ist Intelligenz im künstlichen und menschlichen Sinn? Können Maschinen Bewusstsein entwickeln und wie würden wir das erkennen? Sind Maschinen fähig, Empathie zu zeigen und zu fühlen?

Spannende Gespräche mit KI-Vordenkern und KI-Praktikern aus dem Silicon Valley vermitteln dem Leser wertvolle neue Erkenntnisse und Mindsets. Ein unentbehrlicher KI-Ratgeber für Gegenwart und Zukunft!

€24,99 | 304 Seiten | 27.2.2020
Amazon | Plassen-Buchverlag

Es wäre nicht Precht, hätte er nicht zielsicher die KI-Bösewichter identifiziert. Seine Antagonisten sind Ray Kurzweil, Nick Bostrom und Elon Musk. Musk, den er als Visionär bezeichnet – und Precht meint das nicht als Kompliment – der immer mehr verspreche als er liefere, hat tatsächlich aber alles geliefert, was er je versprochen und angepackt hat. Nicht immer zu dem Zeitpunkt wie angekündigt, aber geliefert hat er: Tesla, SpaceX, PayPal, Boring, HyperLoop, NeuraLink, OpenAI…

Während Precht bekleidet in seinen Computer tippt, von den Vorzüge seiner beheizten Wohnung, von Elektrizität und Impfungen profitiert, ab und an vor der Kamera steht, spricht er gegen alle anderen Technologien, die er bislang nicht verstanden (und definiert) hat, und schmeißt alle Forscher und Entwickler, und die Organisationen die das bezahlen in die selbe Schublade.

Er unterstellt den KI-Forschern allgemein Naivität und zwängt sich in die Diskussion, mit Vorwürfen, die letztendlich mehr über ihn und seine Welt aussagen, als die Menschen und Firmen, denen er pauschal Böswilligkeit, Profitgier und Naivität unterstellt. Er hat sich selbst nicht die Mühe gemacht, KI wirklich zu verstehen, und bringt auch keine Lösungsvorschläge. Er zieht sich auf die bequeme Position zurück, dass die menschliche Moral und Ethik zu komplex und unterschiedlich sei. Damit braucht und gäbe es keine Strukturierungsmöglichkeit. Jeder der das versuche, unterstellt er einfach zu utilitaristisch zu denken und moraleisch und ethisch grausam zu sein.

Stattdessen fordert er radikales Denken, bedauert, dass radikale Philosophen in Ethikkommissionen keinen Platz erhalten und verteufelt einen Wirtschaftsethiker, weil dieser Kompromisse eingeht. Allen anderen unterstellt er, dass ihnen die Schicksale von Menschen in den Kobaltminen in Kongo oder Lithiumvorkommen in Südamerika wenig kümmern, und verteufelt damit Elektroautos, KI oder sonstige Technologien – aus dem „Silicon Valley“. Sich selbst scheint er damit nicht zu meinen, denn die von ihm verwendeten Technologien (Computer, Handy, Mikrophon, Kameras, Ölheizung) sind scheinbar moralisch und ethisch vollständig vereinbar mit Menschenrechten und Nachhaltigkeit produziert worden.

Seine Argumente ähneln denen, mit denen schon andere Moralaposteln beispielsweise gegenüber Innovationen aus der Vergangenheit, wie der Eisenbahn, dem Spiegel, dem Regenschirm, Impfungen, dem Lift oder dem Flugzeug geiferten. Diese lösten ja keine Probleme, seien moralisch verwerflich und schädlich, und schadeten der Menschheit. Sie seien im Prinzip alle wider die Natur, den Menschen weniger perfekt erscheinen zu lassen. Intelligenzen, die wir schaffen und uns erweitern sollen, seien angesichts seiner Erfahrungen mit den meisten Menschen, die sich einfach nur entspannen aber nicht ihre Intelligenz erweitern wollten, deshalb sinnlos. Ein Argument, das wir von der Einführung von Lesen, Schreiben und Rechnen kennen. Diese Fähigkeiten bräuchten – so die damalige Meinung – die meisten Menschen ja auch nicht, und trotzdem werden heute alle darin unterrichtet.

In Vorbereitung meines eigenen KI-Buch „Wenn Affen von Affen lernen: Wie uns KI erst richtig zum Menschen macht“ machte ich mir die Mühe, KI-Forscher zu interviewen, mehrere dutzend Sachbücher zu KI und verwandten Gebieten zu lesen, und habe auch alle Folgen des besten und ausführlichsten Podcast zu AI von Lex Fridman angehört. Und eines ist klar: diese Leute sind alles andere als naiv, was die moralischen, ethischen und sonstigen Auswirkungen ihrer Arbeiten betrifft. Sie stellen sehr präzisere und tiefere Fragen zu dem was Menschsein und künstliche Intelligenz bedeuten, und versuchen darauf Antworten zu finden und Lösungsvorschläge zu machen.

Wie sehr man auch in Prechts Buch sucht, auf 242 Seiten fällt ihm kein einziges Beispiel einer positiven Anwendung von KI ein. Solche aber würden helfen, KI-Forschern zu zeigen, wie man es Precht zufolge richtig machen könnte. Nur, es kommt nie etwas. Egal, wie oft man das Buch durchblättert und auf den Kopf stellt, es findet sich nichts dazu.

Dabei wäre das so einfach: die Erkenntnisse aus der KI-Forschung, die tatsächlich Disziplinen übergreifend zwischen Informatikern, KI-Experten, Verhaltensforschern, Neurowissenschaftlern, Biologen, Physikern, Mathematikern oder Medizinern und auch Philosophen stattfindet, zeigen uns schon heute in ersten Zügen – am Anfang der KI-Geschichte – wie das menschliche Gehirn, der Körper und menschliche Gesellschaften funktionieren und wo es uns neue Fragen aufwirft, wo wir falsch liegen, und bei welchen Fragen wir bislang nicht mal an der Oberfläche gekratzt haben.

Auch zwingt uns KI Farbe zu bekennen. Wir Menschen und die Philosophie konnten bislang bequem den Kopf aus der Schlinge ziehen, wenn es zu moralischen und ethischen Fragestellungen kam. Mit KI könnten wir uns nicht mehr so durchwursteln und vorbeischummeln, und müssen da präziser werden und Rahmenwerke schaffen

Der Buchuntertitel verspricht Einsichten zum „Sinn des Lebens“, doch wird dieser erst ganz am Ende angeschnitten, und es wird nicht wirklich erklärt, was dieser wäre, noch wie Menschen ihn für sich finden könnten. Und ob es ihn eigentlich gäbe.

Statler & Waldorf

Precht macht es sich einfach: er ist der Kritiker, der den schweißtriefenden KI-Forschern in der Arena, die KI probieren, sie anpacken, sie erweitern und verbessern, bequem aus der ersten Zuschauerreihe – wie schon die beiden Muppetcharaktere Statler & Waldorf, diesmal aber in Personalunion – zuruft, dass ihr Bestreben sinnlos sei, sie keine Ahnung hätten, und nichts anderes als naive Idioten wären. Lösungen und Lösungsvorschläge präsentiert Precht auf keiner einzigen Seite im Buch. Eine Vorstellung, wie es sein sollte und wir man dorthin gelangt, hat Precht auch nicht, denn das wären Visionen, und Visionäre sind in Prechts schwarzweißen Gedankenwelt Leute, die nichts von der Welt und dem Menschen verstanden haben und vor denen wir uns schützen müssen.

Das Buch trieft vor Allgemeinplätzen, zeigt wie wenig Precht von KI oder autonomen Autos versteht (ich selbst habe Bücher zu den beiden Themen verfasst, und andere haben ihn deshalb auch schon in der Vergangenheit verrissen) und welch simples Verständnis er dafür hat (Stichwort: Todesalgorithmen) und – man wird dieses Gefühl nicht los – sich damit unterschwellig brüstet. Precht blendet mit Erwähnungen und Zitaten von Philosophen aus unterschiedlichen Jahrhunderten, die oft ohne Zusammenhang aneinandergereiht werden. Dafür bringt er seine Meinungen mit umso mehr Selbstvertrauen vor. Etwas wenig, wenn man als LeserIn das Potenzial und die Risiken von künstlicher Intelligenz verstehen will.

Quintessenz: KI ist schlecht, KI-Forscher sind naiv; der Mensch ist perfekt und nur die Philosophen haben den Durchblick.

Nach dieser Kritik versteht man wohl, warum ich sein Buch nicht empfehlen kann. Es gibt so viele andere und bessere von Autoren, die wirklich etwas davon verstehen und zusammenhängender erklären können.

Was ist Intelligenz im künstlichen und menschlichen Sinn? Können Maschinen Bewusstsein entwickeln und wie würden wir das erkennen? Sind Maschinen fähig, Empathie zu zeigen und zu fühlen?

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Ein Gedanke zu “KI und die simple Welt des Richard David Precht

  1. Von KI verstehe ich nichts, ich habe mich nur einmal mit den Algorithmen, die hinter GANs stehen, befasst (Discriminator und Widerpart) und mit einer Expertenmeinung, dernach die gegenwärtigen KI-Anwendungen eher etwas von „sehr intelligenten Kniereflexen“ hätten als von einem autonom operierenden neuronalen Netz. Wie kann man von KI auf das menschliche Gehirn schließen, wo KIen doch von Menschen erschaffen werden und daher nur zu dem fähig sind, was Menschen auf Grundlage ihres bisherigen Wissens programmieren können? Es ist ja auch nicht viel mehr als eine schlecht passende Analogie, den menschlichen Verstand als einen Computer aufzufassen.

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