Wenn es Müll auf den Regenschirm regnet

Man stelle sich den Anblick vor, den amüsierten Londonern der Kaufmann und Reiseschriftsteller Jonas Hanway, bot. Nach vielen Jahren in Lissabon, Russland und Persien hatte er nach einem Aufenthalt in Frankreich eine neuartige Gerätschaft mitgebracht. Einen ‚Parapluie‘, der in Anlehnung an den fernöstlichen ‚Parasol‘ nicht vor der Sonne, sondern vor Regen schützen sollte.

Der Pariser Kaufmann Jean Marius war ein anerkannter Taschenmacher und hatte bemerkt, wie regnerische Tage seinen adeligen Kundinnen die aufwendig gestalteten Perücken ruinierten. Friseure und Perückenmacher galten damals als Künstler und entsprechend hoch waren die Preise, die man für eine Frisur zahlen musste. Zwar gab es bereits erste Regenschirme, diese waren aber so sperrig und schwer, dass sie kaum jemand benutzen wollte oder konnte. Marius verbesserte die Konstruktion und schuf 1709 eine leichtgewichtige Version. Dieser weniger als ein Kilogramm schwere Schirm konnte zusammengefaltet und in drei Teile zerlegt und damit bequem getragen werden. Als Luxusartikelhersteller, der die Geschmäcker seiner Pariser Kundinnen kannte, wusste Marius, dass nur ein elegant aussehender Parapluie Anklang finden würde. Er wählte gediegene Materialien, verarbeitete sie kunstvoll und fein, sodass sie zur aktuellen Mode seiner Klientel passten. Diese Gerätschaft war auch dann der letzte Schrei in Paris, mit dem Jean Marius selbst den Sonnenkönig Ludwig XIV. als prominenten Kunden gewinnen konnte.

Die französische Entstehungsgeschichte und der Enthusiasmus der Franzosen mag erklären, warum Jonas Hanway in London ein ziemlich rauer Wind entgegenblies, als er um 1750 das Mitbringsel aus Paris zum ersten Mal ausführte. Sie machten sich lustig über ihn. Es war den empörten Londonern schnuppe, dass Hanway seinen Parapluie nicht aus reiner Eitelkeit benutzte, sondern um seine Perücke und seine Gesundheit zu schonen. Es half ihm auch, dass er ohnehin Exzentriker war und sich einen Deut um den Spott und Hohn seiner Landsleute kümmerte. Selbst als sie wiederholt das für Briten wohl übelste Schimpfwort über ihn ausschütteten, nämlich ‚Franzose‘, ging er unbeirrt mit dem Regenschirm seinen Weg. Und ‚Franzose sein‘ bedeute nichts anderes als so eine Art ‚Weichei‘ und ‚Hedonist‘ im 18. Jahrhundert.

Ebenso stand der Regenschirm für einige Moralaposteln seiner Zeit als ein Zeichen, dass der Träger eines solchen schlicht und einfach vulgär wäre. Entweder könne man sich eine Kutsche oder Sänfte leisten und bleibt trocken, oder man stehe zu seiner Armut, trage seinen Mantel und werde klitschnass. Wo kämen wir in diesem Weltbild hin, wenn sich jemand keine Kutsche leisten könne, aber im Regen trotzdem trocken bliebe?

Der größte Widerstand zu dieser französischen und somit automatisch ‚unbritischen‘ Gerätschaft kam von den Kutschern. Wollte man in London trockenen Fußes seinen Weg erledigen, dann kamen nur eine zweirädrige Mietskutsche oder eine Sänfte in Frage. Und die Kutscher und Träger sahen ihr Geschäft bedroht, das besonders bei feuchtem Wetter anzog. So einfach wollten sie sich ihr Einkommen nicht streitig machen lassen. Wann immer sie Hanway mit seinem Regenschirm ansichtig wurden, überschütteten sie ihn mit Beleidigungen und sogar Müllresten. Ein Kutscher versuchte ihn sogar zu überfahren, und bekam von Hanway dafür eine Tracht Prügel mit dem vielseitig einsetzbaren Parapluie versetzt.

Jonas Hanway (1712 – 1786) im Londoner Regen mit Parapluie.
Illustration von Richard Caton Woodville (1825 – 1855)

Warum der Regenschirm ausgerechnet in Großbritannien, wo man doch eigentlich erwarten könnte, dass aufgrund des Klimas eine solche Erfindung mit offenen Armen aufgenommen werden müsste, auf Ablehnung stieß, ist heute nur mehr schwer nachvollziehbar. Nichts sieht für uns heute britischer aus als ein Gentleman mit Melone und Schirm unterm Arm. Jeder Schauspieler, der sich ein Barett und ein Baguette unter den Arm klemmt, wird sofort als Franzose erkannt. Setzt er eine Melone auf und klemmt sich einen Schirm unter den Arm, ist er Brite. So verankert sind diese Stereotype für uns, dass wir darüber gar nicht mehr nachdenken. Doch im 18. Jahrhundert sah die Welt anders aus.

Formen des Parasols waren schon mindestens vor zweitausend Jahren in China, im alten Ägypten, bei den Griechen und Römern, und auch im Aztekenreich bekannt, um vor Sonne zu schützen. Vor allem adelige Frauen benutzten ihn, um ihre weiße Haut zu bewahren. Als Brite mit dem Selbstverständnis (bald) einen Großteil des Erdballs zu beherrschen, war das Wetter ein Bestandteil, der die ‚echten‘ Engländer und Schotten erst ausmachte und abhärtete. Die Insellage und das Wetter formten den Körper und den Geist und führten dazu, dass Briten robust, unabhängig und einfach anders waren als andere Völker. Die Verwendung eines Regenschirms bedrohte diese Charakter- und Körperbildung.

Die Regenschirmskeptiker hatten genauer betrachtet noch umfassendere Gründe zur Hand. Von Wind und Wetter umgeben schien das Natürliche. Alle Anstrengungen, diese vom Körper abzuhalten und sich zu isolieren, indem man wind- und wetterfeste Kleidung schuf und anzog, ließ die ‚Luft‘ außen vor, und das schien unnatürlich. Selbst Krankenschwestern in Krankenhäusern weigerten sich, Frischluft durch Ventilatoren in die Patientenzimmer zu pumpen, weil die Kontrolle von Luft als blasphemisch galt. Eine gab zu Protokoll, dass sie „die allmächtige Luft bevorzuge, nicht die künstliche“. Aufmerksamen Beobachtern fällt dazu sofort der moderne Widerstand von konservativen Fanatikern in den USA ein, die Schutzmasken während der Corona-Krise ablehnten, mit der Begründung, dass das „Gottgegebene Atmungssystem“ nicht behindert werden sollte.

Nicht nur im regnerischen Britannien stieß der Parapluie auf Ablehnung. Waren die Gründe in London eher geschäftlicher Natur und darüber hinaus der stark im englischen Selbstverständnis verankerten Feindschaft mit den Franzosen geschuldet, so fiel es in anderen Ländern mehr unter die Kategorien ‚Status‘ und ‚Macht‘. Während Ludwig XIV. kein Problem damit hatte, dass sein Hof und seine Untertanen sich das Gerät zunutze machten, war das in Persien ganz anders: Derselbe Jonas Hanway hatte bei einem Vorbeizug eines persischen Prinzen in einer aufwendigen Prozession diesen mit einem Parasol vor der Sonne geschützt gesehen. Hanway, der später zurück in London – trotz all der negativen Erfahrungen mit seinen Mitmenschen – ein Philanthrop werden sollte, sah darin früh eine Möglichkeit, den Menschen in Persien Gutes zu tun und so nebenbei ein Geschäft zu machen. Er ließ eine verkleinerte Form des Parasols anfertigen und sie unters Volk bringen. Mit etwas anderem Ausgang, als er sich das erhofft hatte. Ein Parasol war im persischen Reich ein Zeichen von königlichem Status und Macht, und dass nun jeder Standeslose auch so ein Ding besitzen sollte, kam einer Majestätsbeleidigung gleich. So sehr hatte sich Hanway verschätzt, dass er überstürzt Persien verlassen musste.

Selbst heute kann ein Regenschirm noch zu politischer Aufregung führen. So echauffierten sich die konservativen Pundits in den USA, als der amerikanische Präsident Barack Obama bei einer Ansprache im Freien für sich und seinen Staatsgast, den türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan, von Marinesoldaten Regenschirme halten ließ. Das hatte dem Uniformprotokoll der Marinesoldaten widersprochen, die in Uniform keinen Regenschirm benutzen dürfen. Ausgenommen sind interessanterweise Frauen in Uniform. In den Uniformprotokollen fast aller Armeen der Welt widerspiegelt sich hier ein nach wie vor gültiges Männlichkeitsverständnis, und das deutet implizit an, dass Regenschirme unmännlich seien. Oder eben französisch, wie schon Jonas Hanway 1750 erfahren musste. Und dabei wollen wir mal außer Acht lassen, dass Regenschirme von Agenten immer wieder eingesetzt werden. Nicht um sich vor Regen zu schützen, sondern um unerkannt einem Gegner eine Giftmischung durch die Regenschirmspitze zu verabreichen. Aber das ist eine andere Geschichte.

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