Als der Wecker gute Jobs beseitigte

Vergangenes Jahr besuchte ich Schramberg, ein idyllisches Städtchen im Schwarzwald. Hingebracht hatte mich mein alter Freund und ehemaliger Kollege aus SAP-Zeiten, Mark Finnern, der dort geboren und aufgewachsen war und nach fast drei Jahrzehnten in den USA wieder zurückgekehrt war. Auch für mich war es persönlich, denn meine selige Großmutter, Jahrgang 1920, hatte dort während des Zweiten Weltkrieges mehrere Jahre verbracht und bei Junghans gearbeitet.

Junghans war 1861 vom Kaufmann Erhard Junghans gegründet worden und wuchs mit 3.000 Mitarbeitern am Höhepunkt zum weltgrößten Uhrenhersteller an. Dort wurden nach amerikanischem Vorbild ab 1870 Wecker gebaut. Und ja, meine Großmutter war wohl ein sogenanntes Weckermädchen, die tagein tagaus über fast fünf Jahre Wecker zusammensetzte, und wohl auch andere kriegswichtige feinmechanische Objekte.

Wecker sind heute etwas für uns Selbstverständliches, wenn auch nicht mehr in Form von mechanischen Uhren. Heute verlassen sich die meisten auf die Weckerfunktion ihres Smartphones. Aber damals war das eine Revolution, denn wie wachte man vor einer Weckeruhr rechtzeitig auf, um in die Arbeit zu kommen.

Nun ja, es stellt sich heraus, dass es damals einen ganzen Berufsstand gab, der Leute zu ihren gewünschten Zeiten aufweckte. Die Knocker-up oder Knocker-upper, zu deutsch Aufwecker, gingen von Haus zu Haus und klopften zu vorgegebenen Zeiten mit kurzen oder langen Stangen, oder mit Erbsen, die sie aus eine Blasrohr schossen, gegen die Fenster, um die schlafenden Leute aufzuwecken. Dieser Service, der vor allem in England und Irland, aber auch in anderen Ländern von zumeist älteren Leuten aber auch Polizisten gegen Entgelt angeboten wurde, begann zu Zeiten der industriellen Revolution und war vereinzelt noch bis in die 1970er Jahre verbreitet.

Speziell Frauen bot er eine Möglichkeit, finanziell unabhängig zu sein. Mary Smith, eine der bekanntesten Knocker-uppers in London, verlangte für diesen Service Six Pence pro Woche im Jahr 1930, was heute etwa £2.51 oder €2,9 entspricht. Schon ab 2:30 in der Früh begann die Runde mit den ersten zu weckenden Personen, und das zu jeder Jahreszeit und zu jedem Wetter. Sie hatte in ihre Karriere im Schnitt 80 Kunden, die sie täglich zuverlässig zu wecken hatte.

Waren zu Anfängen der industriellen Revolution mechanische Uhren und Wecker für die breite Bevölkerung noch unleistbar, so wurden sie spätestens mit der Verbreitung von billigen mechanischen Weckern wie jenen von Junghans für alle erschwinglich. Und damit starb dieser Beruf auch langsam aus.

Es gibt einen schönen Beitrag zu ausgestorbenen Berufen, der auch über die Knocker-Upper berichtet, im Podcast Geschichten aus der Geschichte.

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