Eine neue Technologie kommt, doch die Ängste bleiben dieselben. Die Diskussionen um die künstliche Intelligenz und ihre potenziellen Auswirkungen auf das kritische oder generelle Denken der Menschen, reißen nicht ab. Und sie sind zumeist negativ. KI nähme uns das Denken ab. Wir würden verlernen, wie man Aufsätze schreibt oder nach Wissen recherchiert.
Das hat man schon von Google auch gesagt. 2008 schrieb Nicholas Carr im The Atlantic einen Beitrag mit dem bezeichnenden Titel Is Google Making Us Stupid?
Siebzehn Jahre später sind wir immer noch da, Google ist für uns ein selbstverständliches Werkzeug geworden, das wir täglich einsetzen und gar nicht mehr weiter daran denken. Doch die letzten drei Jahre, als ChatGPT auf die Bühne trat, krochen wieder dieselben Moralunternehmer aus ihren Löchern hervor, und warnen davor, dass KI uns dumm machen wird und die Zivilisation, wie wir sie heute haben, unwiederbringlich untergehen wird, wenn wir nicht sofort radikale Schritte machen, die keine Kompromisse erlauben, um das zu verhindern. Und die Medien springen darauf auf, weil sie eine Gefahr oder einen Skandal wittern, und die Politiker, weil sie hier endlich tatkräftiges Anpacken demonstrieren können. Eine Win-Win-Win-Situation für Moralunternehmer, Journalisten und Politiker.
Doch die Aufregung ist künstlich und wiederholt sich alle paar Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Vor zweitausend Jahren war der griechische Philosoph Platon beispielsweise kein Fan der damals neuartigen Technologie des Schreibens und der weit verbreiteten Alphabetisierung:
Wenn Menschen dies lernen, wird es Vergesslichkeit in ihre Seelen pflanzen; sie werden aufhören, ihr Gedächtnis zu trainieren, weil sie sich auf das Geschriebene verlassen und sich nicht mehr aus sich selbst heraus an Dinge erinnern, sondern mithilfe äußerer Zeichen.
In dieselbe Kerbe schlug die berühmte Erzählung von Sokrates über den ägyptischen Gott Theuth (oder Thoth), die bei Platon im Phaidros (ca. 370 v. Chr.) vorkommt.
Theuth, der Gott der Weisheit, Erfinder von Zahl, Geometrie, Astronomie, Würfelspiel und eben auch der Schrift, bringt seine Erfindungen dem ägyptischen König Thamus. Theuth preist die Schrift als ein großes Geschenk für das Wissen und das Gedächtnis der Menschen.
Doch der König lehnt ab und kritisiert:
Durch die Schrift würden die Menschen nicht weiser, sondern nur ‚wissensscheinbar‘. Sie würden ihr eigenes Gedächtnis verlernen, weil sie sich auf äußere Zeichen verlassen, statt in sich selbst Wissen zu bewahren. Schrift gebe nur den Schein von Wissen, aber nicht echtes Verstehen.
Auch im Mittelalter gab es Skepsis, als Bücher aufkamen. Manche Gelehrte hielten das gedruckte Buch (nach Gutenberg) für gefährlich, weil zu viele Menschen Zugang zu Wissen erhielten und dadurch falsche oder gefährliche Ideen verbreitet werden könnten.
Als Bücher massenhaft gedruckt wurden, war die Furcht, dass die Leseflut den Verstand überfordert. Der Begriff Lesesucht entstand im 18. Jahrhundert: Man fürchtete, besonders junge Menschen würden durch zu viel Lesen verweichlicht oder verführt. Und Frauen gar hysterisch werden.
Mit dem Aufkommen von Zeitungen wurde vor der zu schnellen Informationsflut gewarnt, mit dem Radio, dass die Leute hören statt selber zu denken, mit dem Fernsehen, dass es die Leute dumm und passiv macht, und mit dem Internet und dem Smartphone, dass es die Konzentration und das Gedächtnis zerstört.
Was lernen wir daraus? Bei fast jedem neuen Medium kommt zuerst die Angst, es würde das Denken, Erinnern oder die Gesellschaft verderben. Später wird es normal – und die Sorge verlagert sich auf das nächste Medium und die nächste Generation an Moralunternehmern, Journalisten und Politikern versucht von der Situation zu profitieren.