Fast auf den Tag genau vor fünf Jahren erschien mein Buch Future Angst, das auch diesem Blog den Namen gab. Der Untertitel des Buches, Wie wir von Innovationsvorreitern zu Innovationsnachzüglern wurden und wie wir die German Angst überwinden, verrät, welches Thema es genauer behandelt.
Meine Motivation zu diesem Buch war mein Versuch zu verstehen, wie ein Kultur- und Sprachraum die die DACH-Region vor 100 bis 150 Jahren nicht nur so viele Technologiefirmen hervorgebracht hat, sondern auch in der Medizin, Chemie, Pharmazie, Wissenschaft, Literatur, Architektur und Kunst so führend war, doch fünf Generationen später der Welt vor allem als Zauderer, Skeptiker und Nörgler bekannt ist.
Dass diese Skepsis vor der Zukunft oft von Leuten kommt, die Technologien entwickeln und anderen Leuten verscherbeln wollen, zugleich aber Angst vor den Technologien anderer Leute haben, erscheint paradox. Dabei entfernt uns diese Skepsis und der Unwille sich mit den Technologien anderer ernsthaft und nicht nur überheblich oder gönnerhaft auseinanderzusetzen, von den Erwartungen heutiger potenzieller Nutzer und Kunden.
Ein Beispiel, das diese schleichende Ablösung von der Zukunft und den Märkten schmerzhaft auf den Punkt bringt, kommt von einer Automesse in China. Ab Minute 2:15 antwortet diese junge Chinesin auf die Frage, „Würden Sie auch eine deutsche Marke kaufen?“ mit einem Lächeln und den Worten, „Ich glaube nicht, dass ich das tun würde. Das ist eher was für die Generation meines Vaters.“
Dabei weiß China aus eigener, schmerzhafter Erfahrung, was es bedeutet, die Zukunft zu verpassen. Über fünf Jahrtausende zählte das Reich der Mitte zu einem der fortschrittlichsten Länder der Erde. Joseph Needham, ein britischer Biologe und Sinologe, zählte in seinem Werk Science and Civilisation in China die tausenden aus China stammenden Erfindungen systematisch auf, viele davon, von denen der Westen keine Ahnung hatte, dass sie aus China stammten, wie das Papier, Schwarzpulver, magnetische Kompass, Eiscreme, Toilettenpapier, Banknoten, Scheibtruhe oder Zahnbürste.
Doch dann stagnierte das Reich, isolierte sich unter der Qing-Dynastie, und die Höflinge des Kaisers kamen zur Überzeugung, dass sie von der Welt, die sie nur als Vasallen des chinesischen Reichs betrachteten, ihnen kein Wissen beibringen konnten noch Güter und Handelsware besitzen würden, die China nicht besser wusste und konnte.
In einer oft zitierten Sondermission im Jahr 1792 war Lord George Macartney im Auftrag der Britischen Krone an Bord eines mit 64 Kanonen ausgestatteten Kriegsschiffs in China zur Aufnahme von Handel und diplomatischen Beziehungen mit China eingetroffen war, konnte er die Abfälligkeiten ihm gegenüber nicht übersehen. Er selbst vertrat ein Land mit acht Millionen Untertanen, das sich rasch entwickelte, ein Handelssystem, das die ganze Welt umspannen sollte und das vor Kurzem von seinem Status als mächtigste Nation der Erde überzeugt worden war. China in der Qing-Ära hingegen war ein Land mit 350 Millionen Einwohnern – mehr als die gesamte Bevölkerung Europas – und sogleich die größte, reichste und bevölkerungsreichste zusammenhängende politische Einheit der Welt.
Macartneys Mission sollte keinen Erfolg haben. In einem Brief an den König von England gab der chinesische Kaiser unmissverständlich zu verstehen, dass die Welt außerhalb des Reiches nichts zu bieten habe und man selbst sich nur aus Wohlwollen und großer Güte mit den „Barbaren“ beschäftige:
… So ist seit vielen Jahren verfahren worden, obwohl unser Himmlisches Reich alle Dinge in fruchtbarer Fülle besitzt und es ihm an keinem Produkt innerhalb seiner eigenen Grenzen mangelt. Es bestand daher keine Notwendigkeit, die Produkte von Barbaren von außerhalb im Austausch gegen unsere eigenen Produkte zu importieren. Aber da Tee, Seide und Porzellan, die das Himmlische Reich produziert, für die europäischen Nationen und für Sie selbst ein absolutes Muss sind, gewähren wir als Zeichen der Gunst, dass sich ausländische Händler in Kanton niederlassen dürfen, damit Ihrem Land unser Wohlwollen zugutekommen kann.
Ein halbes Jahrhundert später besiegten Briten im Ersten Opiumkrieg von 1839 bis 1842 die Chinesen – ironischerweise danke der Weiterentwicklung und Verbesserung von chinesischen Erfindungen – und zwangen sie zu demütigende Kapitulationsbedingungen. China war von einem technologisch führenden Macht zu einem rückständigen und armen Land geworden, an dem sich andere frei bedienten und die Bevölkerung fast zweihundert Jahre zu leiden hatte.
In einem LinkedIn-Beitrag beschrieb der Frankfurter Finanzmanager Stefan Hoops seine Erfahrungen von einem kürzlichen Besuch in China. Und er leitet den Beitrag mit folgendem Satz ein:
Zehn Generationen mussten darunter leiden, weil eine Generation die industrielle Revolution verpasst hatte.
Dieser Satz beschreibt exakt die Empfindung und Motivation Chinas. Jahrtausendelang sah man sich als das Zentrum menschlicher Zivilisation, und der Niedergang war plötzlich und demütigend. Fast zwei Jahrhunderte und fast 10 Generationen hindurch lag man darnieder, war zum Spielball anderer Mächte geworden, und wurde als rückständig, unzivilisiert und kulturell bedeutungslos behandelt.
Diese Verletzung erklärt den Antrieb der chinesischen Regierung und Gesellschaft, diese dunkle Periode hinter sich zu lassen und den gebührenden Platz an der Spitze der Mächte zurückzuerobern. Und das manifestiert sich im erstaunlichen Aufstieg und der technologischen Aufholjagd die Chine in den letzten vier Jahrzehnten unternommen hat.
Doch die Warnung für Deutschland und Europa ist nicht zu übersehen: stehen wir als Generation davor, diejenige zu sein, die Entscheidungen getroffen hat, die die nächsten 10 Generationen darunter leiden lassen? Erleben wir gerade unsere Version des Opiumkrieges, die unsere Arroganz und Überheblichkeit zugrunde liegen, und unsere führenden Positionen im Maschinenbau, Wissenschaften und Technologien verlieren lassen? Stefan Hopps bringt ein anderes Zitat, das uns zeigt, welcher gesellschaftlichen Anstrengungen es bedarf, um weiterhin vorne mitzumischen. Dieses Zitat dreht sich um die vermutlich bedeutendste technologische Erfindung der Menschheitsgeschichte, der künstlichen Intelligenz:
In Europa interessiert sich niemand für KI. In den USA interessieren sich drei Städte dafür. In China interessiert sich jeder dafür.
Oder:
Bei KI-Modellen liegen wir Kopf an Kopf mit den USA. Im Bereich der angewandten KI sind Japan, Korea und Deutschland unsere Konkurrenten. Wir betreiben bereits ‚Dark Factories‘ und lassen Maschinen Maschinen bauen … wie sieht es in Deutschland aus?
Oder:
Wenn es in einem Land keine Transformationsschmerzen gibt, vollzieht sich der Wandel nicht schnell genug. Das verlagert die Last lediglich auf künftige Generationen.
Und zuletzt:
Es stimmt, unsere Unternehmen haben in der Vergangenheit westliche Unternehmen kopiert. Und Ihre Kritik an staatlichen Subventionen mag durchaus berechtigt sein. Doch mittlerweile sind chinesische Unternehmen in vielen Branchen führend, und Sie blicken nur auf die Vergangenheit oder schreien ‚Betrug‘. Wachen Sie auf, das ist ein Wettlauf!
Wie sieht es mit Deutschland und Europa aus? Sind wir diese eine Generation, die eine oder eine Serie von folgenreichen Fehlentscheidungen getroffen hat, unter der die nächsten zehn Generationen leiden werden?
