Künstliche Intelligenz hat seit dem Launch von ChatGPT im November 2022 in kürzester Zeit nicht nur begonnen, die Arbeitswelt und das Privatleben von Milliarden Menschen zu verändern, und dabei immensen Fortschritt erfahren, sondern erlebt auch eine Gegenreaktion. Die ersten Versuche mit ChatGPT und bald hinzugekommenen anderen Sprachmodellen wie Claude von Anthropic, Gemini von Google oder spezialisierte Modelle wie jene von Seedance, wo die Benutzer noch über die vielen Halluzinationen (zumeist) schmunzeln konnten und sich einreden wollten, dass KI wohl nie ordentlich funktionieren würde, führte bald zu einer Ernüchterung. Oft innerhalb von wenigen Monaten meisterten die neuesten Modelle immer komplexere Aufgaben und Prüfungen, und drangen in immer mehr Lebensbereiche ein.
KI-Goldrausch
Der neue Goldrausch mit der KI führte zu einem Investitionsboom, dessen Dimensionen wir so noch nicht gesehen haben. 2025 wurden von den großen amerikanischen Techfirmen mindestens $500 Milliarden in den Ausbau von KI-Datenzentren und der KI-Entwicklung gesteckt. Und 2026 sind diese Beträge auf dem Weg, mehr als $700 Milliarden zu überschreiten. Dabei wäre es falsch, diesen Boom mit der Internetblase um 2000 zu vergleichen, wie ich schon hier ausgeführt habe. Damals waren es Venture Capitalists und Startups, die ins Internet investierten, heute sind es milliardenschwere Unternehmen, die solche Beträge verhältnismäßig leicht aufbringen können und genug Substanz haben, den Ausbau und die Entwicklung zu finanzieren.
Strombedarf
Als Zankapfel haben sich dabei Rechenzentren erwiesen, die mit hunderttausenden oder sogar Millionen an GPUs für das Training, die Datenspeicherung und den Betrieb von künstlicher Intelligenz benötigt werden. Dabei wird die Größe eines Rechenzentrums nicht in Quadratmetern, FLOPS oder Fließkommaoperationen pro Sekunde, oder Anzahl an GPUs gemessen, sondern am Stromverbrauch in Gigawatt (GW). Zum Vergleich: ein Atomkraftwerk produziert eine durchschnittliche Elektrizitätsleistung von 1 bis 1,4 Gigawatt.
Momentan sind weltweit Rechenzentren mit einer Kapazität von 31,7 GW Rechenzentren in Bau, das dem Zweieinhalbfachen der bisherigen Baukapazitäten entspricht. Die Vereinigten Staaten sind aber dabei, mit 191,3 GW mehr als das Vierfache dieser schon in Bau befindlichen Kapazität zu bauen. Eine Hochrechnung für 2030 kommt dabei auf einen Strombedarf von 950 TWh, das ist mehr Strom als ganz Japan verbraucht.
Das macht deutlich, wie intensiv einerseits die Suche nach Standorten für Datenzentren vor sich geht, andererseits der Bedarf nach Energie (und Wasser für die Kühlung) gedeckt werden muss. Jede Art von Energiequelle, und seien es fossile und nicht-fossile, wie auch stillgelegte Atomkraftwerke, werden in Betracht gezogen, ausgebaut oder reaktiviert.
Widerstand
Als überraschend hat sich für die Techfirmen die Intensität des Widerstands gegen Datenzentren erwiesen. Und dieser beruht auf mehreren Erfahrungen. So locken die Firmen lokale Gemeinden mit dem Versprechen von Milliardeninvestitionen, die entsprechende Arbeitsplätze und Steuereinnahmen für die Region bringen würden. Doch die Erfahrungen von Orten mit Datenzentren haben sich als im besten Fall zwiespältig erwiesen. Datenzentren selbst sind zwar teuer, sie können aber von wenigen Dutzend Mitarbeitern betrieben werden. Die gut bezahlten Mitarbeiter sind Spezialisten, die es vor Ort zumeist nicht gibt, die restlichen Mitarbeiter sind mit Sicherheit und Wartung beschäftigt, also mit weniger qualifizierten und damit geringfügig bezahlten Jobs.
Gleichzeitig sind Strom- und Wasserverbrauch enorm und überfordern die Gemeinden. Das Ergebnis sind gestiegene Energie- und Wasserpreise, mit denen die Anwohner konfrontiert werden. Auch die Lautstärke der Kühlanlagen für die klimatisierten Datenzentren belästigen die Umgebung.
Und hier formiert sich der Widerstand. Anwohner strömen in Scharen zu Bürgerversammlungen um ihre (zumeist) Ablehnung auszudrücken. Neben den bisher genannten Gründen, drückt sich vor allem der Frust mit und Skepsis gegenüber den Technologiefirmen darin aus. Zuerst kommt KI und nimmt den Menschen die Arbeitsplätze weg, gleichzeitig filtern Bewerbungsplattformen für Stellenanzeigen mit KI die Bewerber, bestimmen Algorithmen, ob man sich für einen Hauskredit qualifiziert, fluten KI-generierte Beiträge, Bilder und Videos die sozialen Medien, sodass immer unklarer wird, was echt und was KI-generiert ist, werden auf den Werken von Kreativen trainiert ohne ihr Einverständnis und ohne dass sie eine entsprechende Vergütung erhalten, dann kommen KI-gesteuerte Scam-Anrufe und Betrugsmaschen, wird KI bei der Polizei, bei der Einwanderungsbehörde und in Waffensystemen eingesetzt, und die Techfirmen erhalten durch großzügige Spenden an die politische Elite freie Hand. Gleichzeitig fühlen sich viele ausgenutzt und machtlos der KI ausgesetzt.
Damit wird die Idee eines Datenzentrum vor den eigenen Stadttoren zum einzig greifbaren Mittel, wo die Bürger direkt mitbestimmen und ihren ganzen Unmut ausdrücken können. Die Situation ist so explosiv, dass einige US-Bundesstaaten sogar soweit gingen, ein Moratorium für die Errichtung von Datenzentren auszurufen. Sie erteilen vorläufig keine Bau- und Betriebsgenehmigungen.
Lösungen?
Dabei ist diese Technologie eine der wichtigsten der Menschheit, deren Richtung und die Nutznießer nicht nur von den Leitern der Techfirmen selbst bestimmt werden sollten, sondern von der Gesellschaft und der Politik im Sinne der Bürger.
Dabei habe ich in einer kürzlich stattgefundenen Diskussionsrunde im Silicon Valley erlebt, wie sehr die Vertreter der Techfirmen in einer Blase leben, in der sie die berechtigten Ängste und Befürchtungen der Menschen nicht verstehen oder erfassen. Dass „die Techfirmen ohnehin sehr viel tun würden, um die Menschen davon zu überzeugen“ reicht als Antwort einfach nicht aus. Konkrete Schritte werden benötigt.
Und dazu können sich diese Firmen Anleihen an der Vorgehensweise andere Techfirmen nehmen, die Technologie mitten unter die Menschen in ihre Nachbarschaft bringen, und nicht zu übersehen sind. So wählte die Google-Schwester Waymo eine langsame Vorgehensweise, um ihre Robotaxis in die bisher 15 US-Metropolregionen zu bringen. Schon bei der ersten kommerziellen Lizenz in San Francisco zeichneten mehr als 80 Verbänden eine Unterstützungserklärung. Von der Blinded Veterans Association bis hin zu Mothers Against Drunk Driving schrieben diese Interessensgruppe Amicus-Briefe. Schon vorher hielt Waymo lokale Ausstellungen, Veranstaltungen und Tag der offenen Türen ab, die der Bevölkerung die Gelegenheit gab, über Robotaxis mehr zu lernen, Fragen zu stellen, mit den Mitarbeitern zu sprechen und eine Fahrt im Robotaxi persönlich zu erleben.
Diese Vorgehensweise scheint besser, als Steuereinnahmen und Arbeitsplätze zu versprechen, die sich nachher nicht materialisieren, und die Menschen mit höheren Strom- und Wasserpreisen zurückzulassen.
Elon Musk, Jeff Bezos und auch Google suchen auch nach Alternativen: das Datenzentrum im Weltall, wo es keine rabiate Nachbarschaft gibt. Wenn auch die technologischen Herausforderungen für Datenzentren im Orbit noch bei weitem nicht geklärt sind, so spricht Elon Musk bereits von einer Million Datenzentren, die er im Weltall positionieren will. Zum Vergleich: heute gibt es weniger als 15.000 Satelliten im Orbit, zwei Drittel davon gehören zu Elon Musks StarLink. Eine Million Datenzentren, die im Abstand von 24 Kilometern voneinander positioniert werden, bringen aber neue Herausforderungen und Probleme mit sich. Genau deshalb formiert sich auch hier erster Widerstand, da die Vorteile den Nachteilen nicht unbedingt den Menschen klar wird.
Die Zeit, Technologien über die Köpfe der Menschen hinweg einzuführen, ist spätestens mit dem Launch von ChatGPT im Jahr 2022 vorbei. Es müssen Lösungen für eine sanftere Einführung gefunden werden.
