Signalisierung von Macht

Kleptomanie oder Schlamperei scheinen 180 Länder und Regionen dieser Erde zu vereinen. Jedenfalls, sofern wir den Zahlen Glauben schenken wollen, die aufzählen, welche Geschenke an Mondgesteinen seither verschwunden und nicht auffindbar sind. Mit den Apollo 11 und 17 Mondlandemissionen brachten die Astronauten dutzende Kilogramm an Mondgestein mit. Dieses Gestein sollte nicht nur Wissenschaftlern in den USA bereitgestellt werden oder hinter Tresormauern verschwinden, sondern auch anderen Ländern übergeben werden.

So beschloss die amerikanische Regierung unter Präsident Nixon, im Rahmen einer ‚Good Will Tour‘ Proben von Mondgestein in einer Plakette als Geschenk an die 50 US-Bundesstaaten und vier Überseeterritorien, sowie an 135 Länder weltweit als Geschenk zu offerieren. Insgesamt 270 solcher Plaketten mit Mondproben wurden verschenkt. Kaum verschenkt, waren viele von ihnen auch schon wieder unauffindbar. Aktuellen Schätzungen zufolge sind 180 von 270 ‚verschwunden‘.

Lunar Sample Display Apollo XVII

Zur Good Will Tour der Amerikaner, deren Botschaft die Einheit aller Menschen und Länder betonen sollte, wurden auch die ‚Friendship 7‘-Kapsel auf Weltreise geschickt, mit der John Glenn als erster Amerikaner die Erde umrundet hatte. In 30 Städten weltweit trat John Glenn auf, und besuchte dabei Mexico City, London, Tokio oder Accra. Auch zwei ‚Spacemobile‘ mit Informationsmaterial zum Weltraumprogramm wurden von der NASA nach Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa geschickt.

Mit der erfolgreichen Mondlandung, die der Höhepunkt des Raumfahrtprogramms war, machten die Amerikaner der Welt eines klar: die USA waren wirtschaftlich, militärisch und technologisch das führende Land der Erde. Auch wenn mit dem immer verlustreicheren Vietnamkrieg schon Brüche in diesem Narrativ auftraten, die Nation signalisierte der Welt deutlich ihre Vorherrschaft.

Damals war die Beschaffung von zuverlässiger Information aus den Staaten des Warschauer Paktes sehr schwierig und selbst die wenigen vorliegenden Daten unzuverlässig. Präsident Eisenhower konnte in den 1950er Jahren noch so sehr darauf verweisen, dass amerikanische Autos besser waren als die russischen, oder die Landwirtschaft produktiver, es war wirkungslos. Diese Tatsachen waren nur für diejenigen sichtbar, die in ihrer Nähe lebten und das aus eigener Hand erfuhren. Aber das Radiosignal von Sputnik konnten alle hören, egal wo sie sich befanden. Und auch wenn Eisenhower vorrechnete, wie viele Satelliten seit dem Sputnik-Start die Amerikaner und die Sowjets ins All geschossen hatten, und dass die Amerikaner nicht nur mehr oben hatten, sondern diese immer noch funktionstüchtig waren, sie waren nicht die ersten gewesen.

Ursprünglich als Prestige im 19. und frühen 20. Jahrhundert bezeichnet, ist der moderne Begriff „Signalisieren“. Dieser kommt ursprünglich aus den Wirtschaftswissenschaften und der Biologie, in der beispielsweise Männchen ein besonders herausstechendes Federkleid oder großes Geweih mit vielen Enden besitzen, das zwar im Alltag ein Hindernis sein kann, aber an ein paarungswilliges Weibchen signalisiert, dass das Männchen solch gute Gene hat, dass es sich diesen Luxus leisten kann.

Im wirtschaftlichen und politischen Umfeld signalisiert beispielsweise ein Raumfahrtprogramm, dass die Volkswirtschaft eines Landes sich diese Ausgaben leisten kann, auch wenn sie nicht unmittelbar praktische Auswirkungen auf das Land haben. Das wiederum signalisiert, doch eher mit so einem potenten Land Wirtschaftsbeziehungen aufzunehmen, die zum gegenseitigen Vorteil dienen können. Auch hochqualifizierte Arbeitnehmer und Studenten nehmen diese Signale wahr und werden zu jenen Arbeitgebern, Forschungseinrichtungen und Hochschulen gezogen, die solche Programme unterstützen.

Wenn wir uns zurücklehnen, die Augen schließen und überlegen, welche Technologien oder welcher wissenschaftlichen Durchbrüche der letzten Jahre aus unserem Land kamen und große oder überregionale Bedeutung hatte, welche würden uns dazu einfallen? Wären das dieselben, die Bürger andere Länder aufzählen würden, stellte man ihnen die Frage zu unserem Land?

Und umgekehrt, welche gescheiterten Projekte aus der Heimat fallen uns ein? Und vielleicht die noch fiesere Frage: Wie schnell und rasch und wie viele gescheiterte Projekte fallen uns ein im Vergleich zu den gelungenen?

Wenn wir unser Land im dann mit den USA oder China vergleichen, und uns beispielsweise eine(n) hochqualifizierten ForscherIn im KI-Bereich oder in der Medizin aus einem Drittland vorstellen, dem gute Angebote aus Unternehmen und Forschungseinrichtungen in diesen drei Ländern vorliegen, welches Angebot aus welchen Land würde dann eher gewinnen?

Und genau das ist die Macht und Bedeutung von Signalisierung. Im globalen Wettkampf geht es nicht nur um Ressourcen oder Land, sondern um Talente. Nur wer diese für sich gewinnen kann, hat die Chance neue Technologien mitzubestimmen und neue Märkte für sich zu erschließen.

Welche Signale aus unserem Land kommen, dazu mehr in Teil 2.

Ein Gedanke zu “Signalisierung von Macht

  1. Es ist nicht relevant, in welches Land kluge Menschen streben, um ihre Karriere zu optimieren. Wie lächerlich funzelt so ein Leuchturm in Konkurrenz zu Milliarden Sternen der Milchstraße. In unserer Galaxis bieten die meisten Himmelskörper kein überlebenstaugliches Klima. Im Jahr 2023 werden auf der Erde 8 Milliarden Menschen leben. Ob demokratisch oder nicht, die Mehrheit dieser Weltbevölkerung strebt danach, den Welterschöpfungstag jedes Jahr früher zu erreichen (2019 fiel er auf den 29. Juli). Die Menschheit hat die Macht den einzigen erreichbaren bewohnbaren Ort im Universum unbewohnbar zu machen. Und gegen diese robuste Mehrheitsentscheidung (heute beliebig viel von den Resourcen zu verbrauchen, die dann künftigen Generationen fehlen) werden sich niemals genügend Altruisten behaupten können. Es ist herzlich egal, wie sehr sich ein einzelner Mensch in Genügsamkeit übt, solange die Mehrheit sich eifrig weiter große Stücke aus dem Kuchen schneidet.
    Wenn alle Menschen so leben würden, wie die Bürger der USA, würden wir jetzt bereits Jahr für Jahr die Resourcen von fünf Planeten Erde benötigen.
    Finde den Fehler (oder lass‘ es bleiben – im Jahr 2220 wird es so wie so keinen bewohnbaren Platz mehr für Menschen geben, weder auf dem Amerikanischen Kontinent noch in Europa).
    Fatalistischer Hedonismus wird nichts retten. Weil jedes Aufbegehren gegen das Aussterben der Spezies Mensch aber ganz sicher scheitert, dürfen wir alle uns heute dazu zwingen fröhlich zu sein.
    Also:
    Keine Angst; die Menschheit stirbt schon sehr bald aus.
    Und das ist, nach allem, was ich so gesehen und durchlitten habe, auch besser so!

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