Wenn Natürliches gefährlicher ist als Künstliches

Gerade erst hatte ich eine Delegation von deutschen Unternehmern zu Besuch im Silicon Valley, mit denen ich innovative lokale Firmen besuchte, interessante Menschen traf, aber auch zu Orten brachte, wo wir auf neue Technologien stießen. So fuhren wir in die Gegenden, wo eine Reihe von Unternehmen selbstfahrende Autos testen. Wir sahen die Waymos, Nuros, Kodiaks, Zoox und GM Cruise aus nächster Nähe und mit Faszination.

Im Computer History Museum in Mountain View saßen die aufgeregten Geschäftsführer und Firmenbesitzer dann in einem der von Google ehemals eingesetzten selbstfahrenden Autos, das bei Google intern „Glühwürmchen“ (Firefly) hieß, wir aber auch als Google Koala (wegen des Aussehens der Front) bekannt war. Die Fotos, die sie von sich selbst aufgenommen hatten, wurden sogleich auf allen sozialen Kanälen gepostet.

Google Firefly („Glühwürmchen“):
Selbstfahrendes Auto im Computer History Museum in Mountain View

Warum bemühen sich so viele Unternehmen um die Entwicklung von autonomen Fahrzeugen? Weil von Menschen gesteuerte Autos immer noch sehr vielen Menschen Schaden angedeihen lassen. In Deutschland sterben jedes Jahr mehr als 3.000 Menschen im Straßenverkehr und fast 400.000 werden verletzt, in Österreich liegen die Todesopfer bei 400 und die Verletzten bei 40.000.

Ein Teilnehmer zeigte mir kurze Zeit später den Kommentar eines Facebook-Freundes zum Foto mit ihm in diesem Koala-Fahrzeug. Unter dem Foto stand „Dann hat man ja gar keinen Spass mehr am Autofahren.“ Der Unternehmer war von diesem Kommentar unangenehm berührt. In den vergangenen Tagen hatte er Begegnungen mit inspirierenden Menschen und zukunftsweisenden Technologien gemacht und war selbst, wenn schon nicht vorher diesen aufgeschlossen, dann spätestens von mir und der ganzen Delegation dazu in die Stimmung gebracht worden, diese zuerst von den Chancen und Möglichkeiten zu bewerten. Und dann genügt ein Kommentar, um zu zeigen, dass diese Betrachtungsweise nicht selbstverständlich ist.

Wie wir neue Technologien betrachten

Neuen Technologien wird häufig Skepsis entgegengebracht. Vor der Dampflokomotive, diesem hissenden und schnaubenden Monster, haben sich viele gefürchtet. Beim Radio und Fernseher sagten viele voraus, dass die Menschen dann hysterisch und das Lesen verlernen werden. Und jetzt sind es natürlich Roboter und selbstfahrende Autos, die nicht nur Unfälle haben und Menschen töten könnten, sondern auch noch Arbeitsplätze wegnehmen.

Die Wahrheit ist komplizierter. Technisches Versagen und damit Unfälle können nie hundertprozentig ausgeschlossen werden. Und Berufe werden auch immer verloren gehen. Manchen weint man allerdings nicht nach. Wer erinnert sich noch an die Telefonvermittlerinnen, oder die Fahrstuhloperatoren, auch als „Liftboys“ bekannt? Auch wenn jede Technologie Arbeitsplätze – oder eben korrekter ausgedrückt Berufe – vernichtet hat, so entstanden letztendlich völlig neue und bessere Berufe, die auch mehr Arbeitsplätze boten als vorher.

Bergleute übten einen gefährlichen, ungesunden und dreckigen Beruf aus, der ein aus Umweltsicht sehr schlechtes Produkt förderte: Kohle. Die vielen neuen Arbeitsplätze, die für die Produktion und Aufstellung von Photovoltaikanlagen und Windrädern geschaffen worden sind, sind nicht nur weniger gefährlich, sie sind auch umweltfreundlicher.

Coronavirus: eine natürliche Sache

Eine globale Krise, wie wir sie gerade mit dem Coronavirus erleben, zeigt, dass oftmals weniger durch uns geschaffene Technologie die Gefahr ist, sondern etwas ganz Natürliches. Ein Virus. Technologie mag zwar dazu beitragen, dass er sich rascher ausbreiten konnte, weil wir Menschen leichter reisen können, gleichzeitig hilft Technologie aber, diese Gefahr unter Kontrolle zu halten und zu bändigen. Medizintechnologie und Medikamente helfen, Infizierte zu heilen. Seife und sterile Produkte – beides von Menschen geschaffene Technologien – helfen den Virus und die Ausbreitung zu bekämpfen. Und Mathematik und Statistik lassen uns besser zu verstehen, wie sich Viren verbreiten und durch welche Maßnahmen wir dem Einhalt gebieten können.

Technologie hilft uns auch, das „Social Distancing“, also die Notwendigkeit, dass wir in solch einer Krise Abstand halten zu anderen Menschen um den Virus nicht weiter zu verbreiten, leichter durchzuführen. Dank Telekonferenzwerkzeugen oder Cloud-Lösungen können wir weiterhin zusammenarbeiten. Wir könnenz durch das Internet miteinander in Kontakt bleiben und uns informieren. Wir können uns durch Lieferroboter ohne zwischenmenschliche Kontakte, und damit Übertragungsgefahr, Waren liefern lassen. Und nicht nur im öffentlichen Raum. Gerade in Spitälern oder Altersheimen, wo Menschen unter Quarantäne stehen und besonders gefährdet sind, können Lieferroboter die Ansteckungsgefahr drastisch reduzieren.

Ein anderer überraschender Nebeneffekt, den die Coronaviruskrise verursacht, ist die Umweltverschmutzung. Beziehungsweise die Verringerung derselben. Weil viele nun von zuhause arbeiten müssen, und sich herausstellt, dass das nicht nur gut klappt, sondern vielleicht sogar zu mehr Produktivität und Arbeitsplatzzufriedenheit führen kann, fahren weniger Menschen mit Autos herum und weniger Abgase werden emittiert. Die Luftwerte in vielen Ballungsgebieten haben sich stark verbessert. Wer hätte gedacht, dass die Coronaviruskrise, dank neuer Technologien und dem Erfindungsreichtum der Menschen, solche unerwarteten Auswirkungen haben könnte?

Technologie macht uns erst zu Menschen

Wir sehen also, von uns künstliches Geschaffenes, und das beginnt bei der Kleidung die wir am Leibe tragen, den Brillen die wir aufsetzen, den Häusern in denen wir wohnen, den Autos in denen wir uns bewegen, jedes Medikament, das wir einnehmen, jedes Gemüse, Obst, Getreide, Fleisch und von uns seit Jahrtausenden gezüchtet und ausgewählt, das wir konsumieren, hat uns mehr zum Mensch gemacht. Das von uns künstliche Geschaffene erlaubt uns, weniger Zeit mit überlebensnotwendige Aufgaben zu verbringen, dafür aber mit solchen, die uns erst richtig zum Menschen machen. Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen, kreativ zu sein, unbesorgt vor körperlichen Gefahren länger und gesünder zu leben. Die wahre Gefahr liegt im „Natürlichen“, wie wir beim Coronavirus wieder einmal vor Augen geführt bekommen. Aber die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Technologie macht uns stärker.

Die Grenzen der Technik

Jede Technologie hat aber ihre Grenzen. Weniger aus technologischer Sicht, sondern wie Menschen sie verwenden. Während beim Coronavirusausbruch Länder Ausgangssperren verhängen, fühlen sich einige bevormundet, verstehen nicht oder wollen nicht verstehen, wie die Gefährdung von verletzlichen Bevölkerungsgruppen und Zeiten eines Pandemie funktioniert, und besuchen ganz trotzig volle Bars und veranstalten Partys. Und einige wollen sich durch autonome Autos nicht den Fahrspaß verbieten lassen, auch wenn sie damit andere gefährden.

Gegen diese natürliche Dummheit wird es vermutlich nie eine künstliche Technologie geben.

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