Vor ein paar Jahren führte ich eine Umfrage unter meinen Newsletterabonnenten durch, in denen ich sie nach herausragenden technologischen, ökonomischen oder wissenschaftlichen Erfolgen oder Misserfolgen des eigenen Landes befragte, beziehungsweise, wie sie die USA und China sehen. Dabei fiel den Teilnehmern überraschend wenig zu den Erfolgen der deutschsprachigen Ländern ein. Zu den stolzesten Momenten zählte die Ansiedlung der Tesla-Fabrik in Berlin-Grünheide – als ob das eine große Eigenleistung gewesen wäre – oder die Energiewende dar. Die russische Invasion in die Ukraine offenbarte jedoch, dass die „Energiewende“ keine gewesen war, man hatte sich lediglich noch mehr abhängig von russischem Öl und Gas gemacht.
Zu China und den USA fiel ihnen fiel ihnen mehr ein, neben viel mehr Misserfolgen im DACH-Raum. Der Transrapid, das BER-Debakel, oder die mangelnde Digitalisierung, die durch die zeitgleich herrschende Pandemie bloßgelegt worden war, wurden als Negativbeispiele häufig genannt.
Haben wir daraus gelernt? Nahmen wir uns die USA – oder, Gott bewahr – China als Inspiration? Krempelten wir die Ärmel rauf und packten es an, damit wir die Zukunft mitgestalten?
Wohl kaum, wenn wir die miese Stimmung im Land ansehen, und Apologeten abwiegeln und einlullen. Dabei stehen mit künstlicher Intelligenz gewaltige Änderungen bevor, und auch das gesamte europäische und damit deutsche und deutschsprachige Sicherheitssystem und Politik vor großen Herausforderungen.
Eine Aussage, die diese Stimmung unterstreicht, stammt aus einer Elektromobilitätsgruppe von einem Benutzer, der zum durch sein Aussehen und seiner Wucht kontrovers diskutierten Tesla Cybertruck Bilder postet und diese kommentiert. Auffallend ist vor allem der Schlusssatz:
Ich bleibe skeptisch was die Zulassungsfähigkeit in der EU angeht…

Das erste, was dem Kommentator dazu einfällt ist, ob solch ein Fahrzeug in Europa regulatorisch zugelassen werden kann. Kein Wort zu den vielen im Fahrzeug verbauten Innovationen, den Möglichkeiten, die diese Innovationen aufzeigen, dafür eine, zur Regulierung. Und er ist nicht der Einzige, denn dieses Argument wird immer wieder vorgebracht. Wie übrigens auch schon beim rechteckigen Yoke-Lenkrad, das wohl zugelassen werden können (Spoiler: es kann und wird sehr wohl zugelassen). Oder Uber, das wohl sich auch an Taxiregulierungen wird halten müssen.
Dabei wird gerne übersehen, dass Gesetze und Regulierungen nicht in Stein gemeißelt sind und Anpassungen an Technologien für verschiedene Märkte gang und gäbe sind.
Mich erinnert diese Situation an einen Besuch bei LinkedIn in Mountain View, wo wir deren neues Büroraumkonzept gesehen haben, das eher einem Wohnzimmer denn Arbeitsplatz ähnelt, und uns allen gut gefallen hat. Ein Delegationsteilnehmer kam zu mir und sagte, „Also ergonomisch ist das nicht“, nur um gleich darauf zu ergänzen, „und ich frage mich, wieso ich so denke und zuerst Ergonomie erwähne, obwohl mir das super gefällt.“ Ähnliches höre ich immer wieder, wenn den Leuten sofort der Datenschutz einfällt, oder arbeitsrechtliche Bestimmungen, oder was wohl der Betriebsrat dazu sagen würde.
Hier fährt man dann schon mit angezogener Handbremse. Man erlaubt sich gar nicht, das neue Konzept, die neue Technologie für sich zu betrachten und weiter zu denken. Man ist vor allem besorgt, was das Gesetz, ein Regulator, der Betriebsrat oder die Kollegen wohl dazu sagen könnten. Und dann wollen wir lieber doch nicht.
Und das ist schlimm, denn dann gibt man irgendwie auf. Dann gehen die Leute sogar Wetten ein, dass es nicht passieren wird, zumindest nicht im Heimatland, wie dieser Kommentator auf LinkedIn beweist, als wir zu autonomen Autos diskutierten, die in den USA und China bereits unterwegs sind und deren Verbreitung eher eine Frage von Geld und Zeit ist, denn regulatorischer Natur:
…aber sollte ich in zehn Jahren von einem frei gewählten Ort in Deutschland mit einem autonomen Auto an ein Ziel meiner Wahl kommen können, lade ich sie hiermit herzlich zu einem Essen in Münster ein, versprochen.

Anstelle aufzuspringen und zu sagen „Wir schaffen das, wer hilft mit?„, werden zynisch Wetten vorgeschlagen, dass es nicht geschehen wird. Und das Traurige ist: der Kommentator wird mit hoher Wahrscheinlichkeit recht haben. Denn es ist schon ohne miese Stimmung und Einluller und Abwiegler sehr schwer, eine Technologie wie diese zur Marktreife zu bringen und zu skalieren.
Nur, wir wollten uns die Frage stellen: Wollen wir wirklich immer mit angezogener Handbremse fahren, während andere ungestüm an uns vorbeiziehen und den Weg für uns definieren und beschreiten? Sollte das für einen Kulturraum wie unserem, der das Auto erfunden, mRNA-Vakzine entwickelt hat, das für die Menschheit wohl wichtigste technologische Verfahren gegen Hunger, nämlich das Haber-Bosch-Verfahren, erfunden hat, und vieles andere, an Ambition ausreichend sein? Wollen wir in unserem Kulturraum tatsächlich nur mehr auf den Zuschauerrängen sitzen, und beobachten und kommentieren, wie die anderen die Zukunft entwickeln? Für mich zumindest ist die Antwort klar: Nein!