Kassettenrekorder für den Musikunterricht

Stellen wir uns vor, wir sind im Jahr 2021 wegen einer anhaltenden Pandemie gezwungen, dringendst den Schulunterricht zu digitalisieren und halten gerade das verantwortungsvolle Amt der Schulministerin für ein Bundesland inne. Welches elektronische Gerät würden wir dafür wählen? Einen Kassettenspieler?

Blödsinn, natürlich nicht. Kassetten sind doch schon seit Jahren aus der Mode. Selbst Schallplatten und CDs stehen nur mehr bei Liebhabern oder als Retro-Chique in Nachfrage. Ich selbst habe noch eine handvoll an Kassetten aus meiner Jugendzeit, von Hörspielen, alten Schlagern oder vom Radio aufgenommenen Kabarettsendungen. Nur ein Abspielgerät habe ich nicht mehr.

Wir sollten also meinen, dass die Schulbehörden eines Bundesland eines der reichsten europäischen Länder seinen Schülerinnen und Schülern zeitgemäße Lernmittel zur Ausbildung zur Verfügung steht. Dass der gesamte Behördenapparat mit der Hilfe externer Beratern mit Wissen zu Digitalisierungsinitiativen zu wohlüberlegten Beschlüssen kommt und die besten und modernsten Unterrichtsmittel bereitstellt? Nicht so schnell. Hier ist ein Ausschnitt aus der , in der die Schulministerin von Nordrhein-Westfalen, Yvonne Gebauer (54), mit einer Anschaffung für den digitalen Schulunterricht zitiert wird.

Neue Westfälische vom 19.2.2021

Im ersten Moment möge man meinen, wir haben uns hier verlesen, doch tatsächlich steht diese Pressemitteilung so auf der Website des Schulministeriums von NRW.

„Diese Landesregierung ist angetreten, um die Schullandschaft Nordrhein-Westfalens ins Zeitalter des digitalen Lehrens und Lernens zu führen. Neben dem bislang größten Ausstattungsprogramm für digitale Endgeräte für bedürftige Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte und einer Fortbildungsoffensive zur Weiterbildung und Qualifizierung vergrößern wir nun auch das Angebot an digitalen Lerninhalten. Wir stellen den Schulen damit Lernmaterialien zur Verfügung, die neue Chancen für die digitale Unterrichtsgestaltung bieten.“

Yvonne Gebauer (54), Schulministerin NRW

Man erinnere sich: der Brockhaus war eine deutschsprachige Enzyklopädie, die ab 1808 bis 2013 in gedruckter Version erschienen ist. Auhc ich habe noch eine vollständige Ausgabe, die ich in den 1990er Jahren als Abonnement bis zu einigen Ergänzungsbänden erhalten habe. Seit sicherlich 20 Jahren habe ich keinen einzigen Band mehr aufgeschlagen, denn die Welt hat sich seither dramatisch geändert. Die Wikipedia ist heute *das* Nachschlagewerk.

Insofern waren zwei Fakten überraschend: Erstens, dass es den Brockhaus noch gibt, und zweitens, dass es ihn Online gibt und man dafür bezahlen muss. Dazu stellen sich gleich zwei weitere Fragen: wer bitte bezahlt für eine Online-Enzyklopädie, wenn es eine Gratisenzyklopädie wie die Wikipedia gibt? Und hat niemand die Schüler selbst gefragt oder beobachtet, wie sie Informationen aus dem Internet sammeln?

Brockhaus Online-Preisliste vom Februar 2021

Wäre jemand im NRW-Schulministerium auf diese Idee gekommen, dann hätte man dort vermutlich eine Riesenüberraschung erlebt. Junge Menschen heute informieren sich sicherlich nie im Brockhaus, selbst Erwachsene nicht.

Wann habt Ihr das letzten Mal im Brockhaus etwas nachgeschlagen?

Die Quellen sind heute die Wikipedia, YouTube, und selbst solche sozialen Plattformen wie Tik Tok und durch Suchmaschinen wie Google. Und nun wird für ein Online-Nachschlagewerk wie dem Brockhaus, das hinter einer Paywall steht und in das man nur reinschnuppern kann, wenn man seine Kreditkarteninformationen einträgt, eine Summe von €2,6 Millionen ausgegeben?

Das mag bei 5.207 Schulen und 2.512.100 Schülern in Nordrhein-Westfalen „nur“ auf einen Euro pro Schüler für drei Jahre kommen, aber wie sinnvoll ist das Ganze? Als Grund für die Wahl des Brockhaus werden die „fachliche Betreuung“ und das Kinder- und Jugendlexikon angegeben. Doch wer heute noch abstreitet, dass die Wikipedia. Und ein kostenfreies und großartiges Jugendlexikon gibt es auch bereits: Klexikon. Und letzteres wird neben dem ZDF, KI.KA, der Stiftung Lesen und DIE ZEIT auch vom Bundesfamilienministerium empfohlen. Und so nebenbei von der Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet, einem Verband von deutschen LehrerInnen, betreut.

Das erinnert an die USA, wo Texas Instrument 2018 Erlöse von $1,43 Milliarden (€1,18 Milliarden) aus dem Verkauf von Taschenrechnern einfährt. Die Taschenrechner kosten die nicht kleine Summe von $100 pro Stück. Warum müssen amerikanische Schüler denn nun so viel Geld für einen Taschenrechner ausgeben, wenn eine Taschenrechner-App auf einem Smartphone gratis ist?

Der Grund ist ganz einfach: seit Jahrzehnten werden die Rechenaufgaben in den meisten Mathematiklehrbücher mit Anleitungen für die Taschenrechner von Texas Instrument erklärt, und die Lehrer, Schulen und Schulbehörden wollen nicht riskieren, neue und ‚ungeprüfte‘ Technologie im Schulunterricht einzuführen, Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Ronald Baileys sagte dazu einmal:

“Machen Sie nie etwas zum ersten Mal!”

Leonhard Dobusch, Universitätsprofessor für Organisation an der Universität Innsbruck, führt auf dem Digital-Blog Netzpolitig.org führt drei Gründe an, warum dieser Schritt falsch und eigentlich verheerend ist:

  • Gerade wenn es darum geht, Schüler:innen beizubringen, wie „richtiges Recherchieren“ geht, ist eine proprietäre Online-Enzyklopädie der falsche Weg. Auf diese Wissensquelle haben sie nämlich nach der Schule keinen Zugriff mehr. Richtiges Recherchieren muss an der Lebenswirklichkeit der Schüler:innen ansetzen. Und dort beginnt die Recherche in der Regel mit einer Suche via Google, YouTube oder – im besten Fall – Wikipedia.
  • In der oben zitierten Meldung zum Lizenzerwerb ist von „vor allem objektive[n] Inhalte[n]“ die Rede. Entscheidend ist jedoch zu lernen, dass Objektivität immer umstritten und nie endgültig erreichbar ist. Genau diese Lektion wird aber nicht mit Blick in einen vermeintlich objektiven Online-Brockhaus erlernt. Umgekehrt lässt sich im Rahmen einer reflektierten Auseinandersetzung mit der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia sehr gut vor Augen führen, wie Wissen diskursiv hergestellt wird. 
  • Selbst wenn es um gezielt für Kinder aufbereitete Inhalte geht, gibt es mit dem Klexikon inzwischen eine frei lizenzierte Alternative, die auf der Wikipedia aufbaut und sich gut für den Einsatz im Schulunterricht eignet.

Nicht nur diese drei Gründe sprechen gegen diese Brokhauslizenz, auch ein weiterer, unter dem Deutschland durch einen Rückstand bei der Digitialisierung leidet.

  • Im Gegensatz zum Brockhaus, der Schüler nur den Konsum einer Enzyklopädie bietet, steht die Wikipedia Schülern auch für die Schaffung neuer und Verbesserung bestehender Inhalte offen. Von reinen Konsumenten werden sie zu Schöpfern erzogen. Und das ist für Kinder eine ungemein ermächtigende Erkenntnis.

Man mag sich im NRW-Schulministerium noch an den Brockhaus erinnern, als dieser im Druck erschienen war, aber genauso wie man nicht auf die Idee käme, Kassetten für den Musikunterricht anzuschaffen, genauso wenig sollte man sich von Nostalgie bei der Anschaffung von Unterrichtsmitteln für ein ganzes Bundesland treiben lassen. Wir helfen unserer jungen Menschen mit solchen Anschaffungen nicht, an der Spitze der Technologieentwicklungen des 21. Jahrhunderts zu stehen. Es scheint, dass der größte Nachholbedarf im digitalen Lernen nicht bei den Schülern, sondern im Schulministerium selbst liegt.

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