Die Stimmung ist schlecht – Deutschland am Scheideweg?

Rezession, Deutsche Bahn, bröckelnde Infrastruktur, eine massiv unter Druck geratene Automobilindustrie, Nachtragsmittel im Budget, die der Verfassungsgerichtshof gestrichen hat, zwei Kriege (fast) vor der Haustüre, Breitbandausbau und Digitalisierung, bei der man mittlerweile aufgegeben hat, ein Pisa-Testergebnis, bei dem Deutschland das schlechteste Ergebnis seit der Erfassung vorgelegt hat, und nun auch noch ein Debakel der deutschen Fussballnationalmannschaft der Männer, die in einem Vorbereitungsspiel gegen Österreich mehr als verdient verloren hat.

Auch deutsche Vorzeigeunternehmen beim aktuell heißesten Technologietrend – der KI – wie Aleph Alpha holen nun genau dieselben Herausforderungen ein, wie schon die großen amerikanischen Konzerne. Auch Aleph Alpha’s Sprachmodell halluziniert und lobt das Hitler und das Nazi-Reich.

Mehr zu künstlicher Intelligenz gibt es übrigens in meinem gerade erschienen neuen Buch:

KREATIVE INTELLIGENZ

Über ChatGPT hat man viel gelesen in der letzten Zeit: die künstliche Intelligenz, die ganze Bücher schreiben kann und der bereits jetzt unterstellt wird, Legionen von Autoren, Textern und Übersetzern arbeitslos zu machen. Und ChatGPT ist nicht allein, die KI-Familie wächst beständig. So malt DALL-E Bilder, Face Generator simuliert Gesichter und MusicLM komponiert Musik. Was erleben wir da? Das Ende der Zivilisation oder den Beginn von etwas völlig Neuem? Zukunftsforscher Dr. Mario Herger ordnet die neuesten Entwicklungen aus dem Silicon Valley ein und zeigt auf, welche teils bahnbrechenden Veränderungen unmittelbar vor der Tür stehen.

Erhältlich im Buchhandel, beim Verlag und bei Amazon.

Es läuft für Deutschland, nicht wahr? Wer da noch optimistisch in die Zukunft des Landes blickt, muss wohl ein Träumer sein. „Die Stimmung ist so schlecht“, meinte eine Bekannte kürzlich am Telefon. Die Gründe sind mannigfaltig und viele davon hausgemacht. Dabei hat keine einzelne Partei alleine daran schuld, denn Vieles ist das Ergebnis von jahrelangem Ausruhen auf vergangenen Erfolgen und einer geringen Motivation, sich neue Ziele zu stecken. Die ganze Gesellschaft hat schuld an diesem Niedergang.

Alte Technologien

War man noch stolz darauf, Intel – dank 10 Milliarden Euro an Steuergeldern – nach Deutschland gelockt zu haben, so tritt nun Ernüchterung ein. Der Chipgigant Intel, nur mehr ein Schatten seiner selbst, ist mit 178 Milliarden US-Dollar zwar immer noch so viel wert wie Deutschlands wertvollstes Unternehmen SAP – und das würde ein eigener Beitrag wert sein, warum wir keine wertvolleren Unternehmen hervorbringen – aber im Vergleich zum aktuellen Branchenprimus Nvidia verblasst das. Nvidia, dessen Hauptquartier im Silicon Valley nur 1,8 Kilometer von der Intelzentrale entfernt liegt, ist an der Börse 1,17 Billionen Dollar wert, also mehr als das Sechseinhalbfache. Warum? Weil Intel nach der mobilen Revolution (Smartphones, Tablets) nun auch die KI-Revolution verschlafen hat und Nvidia mit 90 Prozent Anteil an GPUs und TPUs den Markt dominiert.

Der deutsche Steuerzahler lässt sich da nicht für doof verkaufen. Zehn Milliarden Euro für ein Unternehmen, das zwar die Anlagen hat und die Fertigungstechnologie beherrscht, aber damit nicht die zukunftsfähigen und am Markt nachgefragten Produkte baut, sieht aus dieser Sicht plötzlich nicht mehr so nach Hightech und tollem Einsatz der deutschen Politik aus. Da können sich die Vertreter von Silicon Saxony noch so auf die Beine stellen und beleidigt austeilen, es ist was es ist. Die Zukunftstechnologien kommen nicht nur nicht von uns, wir holen uns auch noch mit Steuergeldern finanziert die abgehalfterten Unternehmen ins Land.

Aber es kommt noch schlimmer, denn man klammert sich an alte eigene Technologien. Die deutsche Autolobby versucht mit Unterstützung aus der Politik krampfhaft den Verbrenner am Leben zu halten und e-Fuels schmackhaft zu machen. Alle möglichen Lügenmärchen werden der Öffentlichkeit zur Nachhaltigkeit und Zukunft aufgetischt, wo man mit ein bisschen Einlesen zum Thema sehr rasch das Gegenteil erkennen kann. Man beginnt zu zweifeln, ob unsere deutschen Ingenieure wirklich die besten der Welt sind. Denn so falsch kann man doch eigentlich gar nicht liegen.

Falscher Stolz

Wie stolz war nach bis vor kurzem auf die eigene Fertigungsqualität und die Expertise. Vor allem in der Automobilindustrie klang die Devise, „wenn die deutsche Industrie mal loslegt, dann muss sich Tesla warm anziehen“ oder „die deutschen Hersteller brauchen nur die Blaupausen für Elektroautos aus der Schublade ziehen und los geht’s.“

Schmecks! Nun gehen deutsche Unternehmen durch die Produktionshölle und der Abstand verringert sich nicht, ganz im Gegenteil, er wird größer. Volkswagen musste sogar die Elektroautoproduktion verringern, weil die Nachfrage nach den Produkten aus dem eigenen Haus holpert, während andere von einem Rekordquartal zum nächsten eilen.

Auch woanders tritt Ernüchterung ein. Auf der IAA in München stammten 40 Prozent aller Hersteller aus China, deutsche Unternehmen liefen unter „ferner liefen“. Und dutzende Automobilhersteller aus dem Reich der Mitte stehen bereit, die Weltmärkte mit ihren Autos zu beliefern, und das in erstaunlich hoher Qualität und vor allem digital näher am Kunden, als es heimische Hersteller schaffen.

Ende November lieferte Tesla mit dem Cybertruck ein neues Fahrzeug aus, das sehr kontrovers diskutiert wird. Dabei wird völlig übersehen, welche Innovationen in das Fahrzeug eingeflossen sind und wie sie die Automobilindustrie wieder verändern wird. Von der 800-Volt-Batteriearchitektur zum schnelleren Laden, der 48-Volt-Architektur zu höheren Datenraten und mit 78 Prozent weniger Gewicht bei den Kabelbäumen, oder der Materialverarbeitung schlackert man in der Branche nur mit den Ohren vor Staunen. Dazu habe ich eine Gedanken in diesem Beitrag niedergeschrieben.

Reflexionen zum Cybertruck

Wie übrigens ist die Diskussion zum Cybertruck in Deutschland? Dort wird daraufhin gewiesen, dass so ein Fahrzeug bei uns nie zugelassen werden würde. Wie auch schon damals die Diskussion, dass ein eckiges Lenkrad wie beim Model S Plaid nicht zulässig sei (ist es doch, wie sich herausstellt).

Der Stolz bröckelt, wie auch die bisherige Arroganz. Doch woanders halten sie sich hartnäckig. Nach der absolut miserablen Cookie-Regulierung – Milliarden von Menschen müssen jeden Tag Popups zu Cookies wegklicken – und einem Datenschutzgesetz, das vor allem europäische Unternehmen massiv behindert, kommt nun der EU AI Act, der heimischen Unternehmen immense Bürden auflegt und für die sich die Gesetzgeber nun mit größtem Stolz selbst loben und Zufriedenheit ausstrahlen. „Jetzt haben wir es der Welt gezeigt“ und „Alle anderen machen das nun auch nach“ wird vorgebracht ohne zu realisieren, dass Europa sich bei Innovation wieder einmal beschneidet.

Wir regulieren, aber die Innovation wird woanders gemacht. Und das ist einem zweifelhaften Mindset zu verdanken, das uns von Innovationsvorreitern zu den Verhinderern gemacht hat.

Zweifelhaftes Mindset

Vor einigen Wochen hatte ich eine deutsche Delegation zu Besuch, die ich zu LinkedIn in Mountain View brachte. Dort zeigte uns Matthias Zeller das Gebäude, das während der Pandemie gebaut worden war, und wo noch während des Baus die Inneneinrichtung angepasst worden war. Wie konnte man nach der Pandemie sicherstellen, dass die Mitarbeiter aus ihren Homeoffices wieder ins Büro kommen wollen? Das Ergebnis waren sehr bequeme und so gar nicht nach Büro aussehende Einrichtungen, die mehr einem Wohnzimmer ähnelten. Sogar ein Plattenspieler war in einem der Räume vorhanden.

Wohnzimmer-Büro bei LinkedIn in Mountain View

Ein Delegationsteilnehmer kam zu mir und sagte, „Also ergonomisch ist das nicht“, nur um gleich darauf zu ergänzen, „und ich frage mich, wieso ich so denke und zuerst Ergonomie erwähne, obwohl mir das super gefällt.“

Das war nicht das erste Mal, dass sich Delegationsteilnehmer dabei ertappten, wie ihre eigene Denke ihnen im Weg steht. Eine Delegation von sächsischen CDU-Landtagsabgeordneten bemerkten das auch, als sie bei einem Großraumbüro sich über die Hunde freuten, die die Mitarbeiter mitgenommen hatten, und dann zugleich hinzufügten,d dass das in Deutschland nicht erlaubt wäre. Nun ja, die Abgeordneten haben es in der Hand, diese Vorschriften zu ändern, sie sitzen an genau dieser Stelle.

Über diese Mindset-Unterschiede schrieb ich schon ausführlich in mehreren Büchern, unter anderen Das Silicon-Valley-Mindset und Future Angst, in denen ich auch die Gründe und die möglichen Lösungen aufschlüssle.

Umdenken

Wir brauchen vielleicht einen (oder mehrere) „Moonshot“, wie Amerikaner solche hochgreifenden Ziele nennen, die die Fantasie einer ganzen Nation anregen. Und SPRIND, die deutsche Bundesagentur für Sprunginnovationen, die auf dem Vorbild der DARPA hochriskante Innovationen vornehmen soll, hat einen solchen Moonshot gestartet. Hat man sich bislang vorwiegend auf medizinische Innovationen konzentriert, so hat die Agentur den Innovationswettbewerb SPRIND Funke Fully Autonomous Flight zur Entwicklung wegweisender Lösungen ausgelobt.

Das erfordert aber ein Umdenken in der gesamten Gesellschaft. Es haben sich zu viele zu bequem eingerichtet in ihrem Leben, wo man viel auf Konferenzen geht, um klug über Technologietrends zu reden, aber viel zu wenig selbst ausprobiert und macht. Da ist einem das fünf Jahre alte Handy gut genug, ist ein Elektroauto für einen doch nichts, weil man einmal im Jahr in die Alpen Schifahren gehen muss und da Elektro sicherlich nicht geht. Da findet man vor allem das Haar in der Suppe bei ChatGPT, weil in der Presse so schlecht darüber geredet wird. Da lullen Journalisten die Landsleute ein, indem sie sich vor allem darauf konzentrieren, was beim Test einer neuen Technologie nicht so überzeugend war, und verschweigt was sie kann und was das immense Potenzial ist. Da nimmt man in Kauf, dass Bahnfahren nur mehr ein Glücksspiel ist, die Handyverbindung ständig abbricht, das Internet tröpfchenweise Daten schickt, und lässt sofort von einer Technologie ab, wenn jemand den Begriff „Datenschutz“ ins Spiel bringt.

Nicht das Land ist kaputt, sondern die Denke der Gesellschaft. Europa im Allgemeinen und Deutschland im Speziellen stehen am Scheideweg. Wenn wir uns nicht an der Nase nehmen, uns weiterhin so wissenschafts- und technologiefeindlich verhalten, dann verkacken wir die Zukunft für unsere Kinder.

Vor 140 Jahren startete die deutsche Gründerwelle, die uns im Gefolge deutsche Paradeunternehmen wie Bosch, Siemens, Mercedes, VW, Allianz oder Steiff hervorbrachten. welche Unternehmen haben wir bislang vorzuweisen, die unsere Kinder erwähnen werden? Wenn wir jetzt nicht nur umdenken, sondern auch beginnen, anders zu verhalten, dann wird unsere Generation als die der Versager in die Geschichtsbücher eingehen. Und in Österreich wird man noch immer den Sieg gegen die deutsche Nationalmannschaft feiern. Wollen wir das wirklich?

Nachtrag

Das Titelbild generierte ChatGPT 4.0 für mich mit der Textanweisung „Create an image of Germany with a bad mood„. Mehr Tipps zur Bildgenerierung mit generativer KI und allgemein zu künstlicher Intelligenz gibt es in meinem gerade erschienenen, neuen Buch „Kreative Intelligenz“.

KREATIVE INTELLIGENZ

Über ChatGPT hat man viel gelesen in der letzten Zeit: die künstliche Intelligenz, die ganze Bücher schreiben kann und der bereits jetzt unterstellt wird, Legionen von Autoren, Textern und Übersetzern arbeitslos zu machen. Und ChatGPT ist nicht allein, die KI-Familie wächst beständig. So malt DALL-E Bilder, Face Generator simuliert Gesichter und MusicLM komponiert Musik. Was erleben wir da? Das Ende der Zivilisation oder den Beginn von etwas völlig Neuem? Zukunftsforscher Dr. Mario Herger ordnet die neuesten Entwicklungen aus dem Silicon Valley ein und zeigt auf, welche teils bahnbrechenden Veränderungen unmittelbar vor der Tür stehen.

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