„Können wir jetzt endlich über die negativen Auswirkungen sprechen?“

Dass das Mindset oder Mentalität als vorherrschende psychische Persönlichkeitseigenschaft Auswirkungen auf einen selbst oder sogar eine ganze Nation oder Kultur haben kann, fasste schon die Stanford-Psychologin Carol Dweck in ihrem Buch Selbstbild: Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt zusammen:

Die Sicht die man für sich selbst annimmt, beeinflusst zutiefst die Art und Weise wie man sein eigenes Leben führt.

Abhandlungen, wie Menschen und Völker mit Herausforderungen, Änderungen oder Krisen umgehen, oder einfach die Welt betrachten, können entweder ein Hindernis oder ein Befähiger zu deren Bewältigung sein.

Nichts macht das deutlicher, als der Fokus und die Art der Fragen, die ich von Delegationen im Silicon Valley oder bei Besuchen in der Heimat vom Publikum erhalte. Ich scherze sogar, dass ich gar nicht wissen muss, ob ich einen Vortrag in Europa oder in den USA halte. Die erste Frage würde es nämlich preisgeben. Vor europäischem Publikum tendiert die erste Frage, sich auf die negativen Aspekte einer neuen Technologie oder eines Trends zu fokussieren.

So drehten sich vor einigen Jahren bei einem Vortrag in Hamburg die ersten acht Fragen vorwiegend um die Probleme, die Risiken und die Gefahren des Silicon Valley und den Trends die von dort kamen. Mein Hinweis darauf, dass diese Fragen alle negativ wären, bewirkten zumindest bei einer Teilnehmerin ein Umdenken. Sie sagte mir beim nachfolgenden Abendessen, dass ihr mein Hinweis die Augen geöffnet hatte. Sie selbst hatte diese Tendenz der Fragen erst dann bemerkt.

Vor einigen Wochen war eine Gruppe deutscher Mittelständler zu Besuch in der San Francisco Bay Area, um sich vom einzigartigen Innovationsökosystem inspirieren zu lassen und zu lernen. Trotz des Bemühens der Gruppe, sich gegenüber den Trends offen zu halten und zuerst mal die Chancen zu betrachten, gelangte ein Teil der Gruppe unverhofft in eine „Todesspirale der Negativität“. Die Diskussion um ein neuartiges autonomes Fahrzeug, in dem sich die Passagiere ähnlich einem Zugsabteil gegenüber saßen und das für den Stadtverkehr bei niedrigen Geschwindigkeiten entwickelt wurde, schossen sich einige Teilnehmer sofort auf die Sicherheitsaspekte ein. Wie wäre das bei einem Unfall? Für das Fahrzeug seien sowohl Sicherheitsgurte als auch ein neuartiger ‚hufeisenförmiger‘ Airbag entwickelt worden, sagte der Vortragende.

Hufeisenförmiger Airbag

„Aber wie ist das mit einem Kinderwagen?“ wurde sofort nachgehakt. Die Todesspirale hätte ihre Fortsetzung geführt, wenn ich nicht sofort auf die Art der Fragen hingewiesen hätte.

Szenenwechsel ein paar Wochen später. Südlich von Wien war ich eingeladen, bei einem Automobilzulieferer zu zum Stand der Entwicklung bei autonomen und elektrischen Autos vor der Belegschaft vorzutragen. Im Anschluss an den Vortrag, den ich mit Videos und Details gespickt hatte, folgt eine Frage- und Antwortrunde. Nach 20 Minuten meldete sich ein Mitarbeiter, der ungeduldig und fast schon entrüstet folgendes sagte:

Nachdem wir nun über die ganzen positiven Dinge zu autonomen Autos gesprochen haben, können wir jetzt endlich über die negativen Auswirkungen sprechen?

Es klang fast schon ein Vorwurf aus diesem Satz, als ob der Fragesteller gezwungen geworden war, sich mit positiven Auswirkungen auseinanderzusetzen. So als ob er es so gewohnt gewesen war, in einer Brühe aus Negativität zu kochen, dass er das Gegenteil gar nicht mehr aushalten konnte.

Was ist Intelligenz im künstlichen und menschlichen Sinn? Können Maschinen Bewusstsein entwickeln und wie würden wir das erkennen? Sind Maschinen fähig, Empathie zu zeigen und zu fühlen?

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Weder will ich den Eindruck vermitteln, dass wir nicht auch kritische Fragen zu neuen Technologien und Trends stellen sollten, noch dass eine intensive Beschäftigung mit negativen Auswirkungen falsch sind. Ganzen Berufsgruppen verdanken wir unser Leben und unser Wohlbefinden, dass sie sich damit ständig auseinandersetzen. So hatte ich noch zu meiner Zeit als Assistent an der TU Wien einen Polizisten zu einer Begehung eingeladen, weil unser Institut mehrmals das Ziel von Einbrechern geworden war. Der Polizist war schon eine Stunde vorher erschienen, ohne dass wir es mitbekommen hatten, um eine Inspektion der Räumlichkeiten durchzuführen. Dabei hatte er sich die Türschlösser, die Konstruktion der Türen oder das Verhalten der Institutsmitarbeiter und Studenten angesehen und konnte uns dann einige Hinweise zur Sicherung der Räumlichkeiten geben.

Auch Feuerwehr und Brandschutzpolizei haben diese fast schon paranoide Sichtweise auf mögliche Brandgefahren von Objekten. Aber auch Militärs, die sich mit möglichen Konflikten oder Konfliktpotenzialen auseinandersetzen.

Und wir sind dankbar, dass wir sie unter uns haben, denn es kann rasch das Leben von Menschen kosten, wenn wir zu sorglos mit diesen Risiken umgehen. Immerhin haben unsere Vorfahren und wir mehr Chancen zum Überleben gehabt, wenn wir uns auf rasch auf mögliche Gefahren fokussieren konnten.

Das kommt uns allerdings in die Quere, wenn unser Fokus stärker auf den Gefahren und Risiken neuer Technologien und Trends liegt, als auf den Gefahren und Risiken alter Technologien, die durch die neuen Technologien verringert werden sollen. So töten von Menschen gesteuerte Autos jedes Jahr weltweit über eine Million Menschen und verletzen mehr als 10 Millionen. Doch der Eifer liegt bei den möglichen Gefahren der neuen Technologie – eben den autonomen Autos -, nicht aber bei den heute realen der alten Technologien – von Menschen gesteuerten Autos.

Und wie sich öfters denn nicht herausstellt, manifestieren sich die als möglich identifizierten Gefahren und Risiken in der Praxis nur selten. Das berüchtigte Trolley-Problem, wie ein autonomes Auto entscheiden soll, wen es töten sollte, sollte es in eine Gruppe von Menschen rasen, kommt in der Wirklichkeit nicht vor, es dominiert aber den öffentlichen Diskurs – und damit auch die Entscheidungen der Öffentlichkeit und Politik. Und damit verzögern wir die Entwicklung und den Einsatz neuer Technologien, die Menschenleben retten und unser Leben verbessern können.

Der richtige Ansatz ist, sich zuerst auf die Lösung des Problems mit den Möglichkeiten zu konzentrieren, und dann iterativ die dabei auftretenden Gefahren und Risiken zu identifizieren und zu minimieren. Dabei hilft eine 80:20 Regel. Statt während der Konzipierung einer Idee und Technologie sich 80% der Zeit mit deren Gefahren und Risiken zu befassen, stellt man das auf den Kopf und beschäftigt sich zu 80% mit den Möglichkeiten und Chancen. Wie sich herausstellt, tauchen viele der Risiken und Gefahren in dieser Gleichung niemals in der Praxis auf.

Insofern hatte der empörte Fragesteller schon recht: nach 20 Minuten nur positive Diskussionen müssen auch mal 5 Minuten negative zugelassen sein. Und manchmal auch mehr, speziell da die Expertise dieses Automobilzulieferers auf Sicherheitssystemen lag.

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