Wie immer wieder Frankenstein bemüht wird, um Technologieängste zu schüren

Terminator! Frankenstein! Skynet! Ex Machina! Betrachtet man das Interesse und die Diskussionen um künstliche Intelligenz, so möchte man meine die Menschheit stünde unmittelbar vor dem Untergang. Von der Versklavung bis zur völligen Auslöschung kommt alles vor, nur fast keine Beschäftigung mit den Gründen, warum wir KI überhaupt entwickeln und wofür wir es einsetzen.

Zwar ist diese Art der einseitigen Betrachtungsweise zu einer Technologie nicht einzigartig für KI, wie schon alleine die Sachbuchtitel im deutschen Sprachraum offenbaren, doch gerade mit künstlicher Intelligenz und Robotern scheinen wir einen neuen Level von Hysterie zu erreichen. Verstärkt wird die Negativspirale nicht nur durch die populärsten Meinungsbildner, denen oft zwar jeder technische Hintergrund fehlt – und oft sogar noch mit Stolz vorgetragen wird – sie dafür aber umso mehr langes lockig Haar haben. Leider treten auch zu wenige KI-Experten im öffentlichen Diskurs auf. Und die wenigen, die sich Gehör verschaffen, erwecken den Schein, eine ebensolche negative Interpretationsweise zu vertreten, und das könnte schon durch einen impliziten Medienfilter geschehen, wo vor allem jene Experten zu Wort kommen dürfen, die dystopische Szenarien ebenso gern vertreten.

Künstliche Intelligenz: Frankensteins Erben – Quelle: ORF Online

Frankensteins Erben

Jüngstes Beispiel ist ein Artikel auf Online-Seite des Österreichischen Rundfunks, der den originellen Konnex zwischen KI und Frankenstein macht. Eine rasche Suche auf Google und schon spuckt die erste Seite der Suchergebnisse eine Reihe von ebenso kreativen Schlagzeilen aus:

Mary Shelleys Frankenstein kam in die Welt, als eine neue Technologie die Phantasie der Menschen erfasste: Elektrizität. Die zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung gerade mal 20 Jahre alte Autorin erfasste den Nerv der Zeit. Mehr als 200 Jahre später ist Elektrizität für uns selbstverständlich, ein Leben ohne diese Technologie nicht mehr vorstellbar. Und dass wir ein Monster schaffen würden hat sich bis heute nicht bewahrheitet.

Wenn wir also etwas aus der Vergangenheit lernen, dann sind unsere Ängste weit übertrieben und verstellen den Blick auf das Wesentliche: nämlich, was kann diese neue Technologie uns zum Vorteile bringen? Regenschirme halten uns trocken und machen uns nicht zu ‚Franzosen‘, Impfungen machen uns nicht autistisch oder ‚pflanzen uns geheime Chips‘ ein, wiie Impfgegner vor 100 Jahren und heute uns einreden wollen. Was es für uns bedeutet, über keinen Impfstoff zu verfügen , das zeigt uns gerade die COVID-10-Pandemie, die fast ein Jahr nach dem ersten Auftreten uns stärker im Griff hält, als je zuvor. Das öffentliche Leben ist lahm gelegt, hunderttausende Menschen sind von dem Virus hingerafft worden, und die Wirtschaft und damit die Träume vieler Menschen sind damit zusammengebrochen.

Veränderungsangst und Status Quo Bias

Die Angst vor Neuem, wie eben aktuell der künstlichen Intelligenz und Robotern, hat mit der Angst vor Veränderung und damit der Unsicherheit zu tun. Auch wenn er schlechter ist halten wir lieber am Status Quo fest, als das bessere Neue willkommen zu heißen, auch weil man das Bisherige kennt und beim Neuen noch nicht klar ist, was es wirklich bedeutet. Das nutzen Moralunternehmer für sich aus und warnen ausdrücklich und in dystopischen Szenarien vor dem Zusammenbruch der Zivilisation, und träumen von einer einfachen Welt von ‚echten Menschen‘ – und schaden damit der Gesellschaft mehr, als sie nutzen. Und profitieren gleichzeitig aber von genau den Technologien, die sie so verteufeln.

Unterstützt wird das von den Medien, die genau wissen, dass negative Schlagzeilen sich besser verkaufen und mehr Klicks bringen, als die positiven. Damit machen sie sich zu Handlangern der Anti-Renaissance und der Anti-Moderne, die dem Biedermeier pflegt. Gleichzeitig – und das ist das Paradoxe – sind sie diejenigen, die ebenso viel von den Errungenschaft aller von Menschen geschaffenen Technologien profitieren, wie alle anderen, und damit durch die Technologien den Luxus haben darüber zu philosophieren, wie schlecht denn Technologie sei. Die Ironie der Situation wird dabei nicht erkannt.

Suchen nach Frankenstein

Jeder einzelne von uns kann dagegen etwas tun. Es beginnt damit, sich aufrichtig und ehrlich mit den Hintergründen einer neuen Technologie und den Menschen dahinter auseinanderzusetzen. Warum wurde sie entwickelt? Welche Probleme wollten die Schöpfer damit lösen? Kann ich diese Technologie selbst mal ausprobieren und Erfahrungen aus erster Hand sammeln? Was bedeutet ein Sprachassistent wie Alexa für Behinderte oder alte Menschen? Wie verringern autonome Autos die heutigen Unfallzahlen und damit Todesopfer und Verletzte, die durch Menschen verursacht werden? Kann eine KI durch frühzeitige Erkennung von Tumoren auf der Haut oder Röntgenbildern mehr Menschen vor zu späten Krebsdiagnosen bewahren und damit Leben retten? Wie funktionieren Übersetzungswerkzeuge wie beispielsweise DeepL oder Google-Translate bei der Kommunikation mit Menschen aus anderen Kulturen? All diese Werkzeuge verwenden heute schon KI, nichts einfacher als sie selbst mal auszuprobieren und den Frankenstein darin zu suchen. Und die wird vermutlich vergeblich sein.

Erst dann habe ich einen besseren Einblick, was die Technologie kann, wo ihre Limitationen liegen, was sie tatsächlich verbessert und in welche Richtung sie sich entwickelt, und welche möglichen Probleme damit aufkommen und tatsächlich relevant werden könnten. Eigentlich sollte man meinen, das wäre Allgemeinwissen, ist es aber nicht. Unsere Reptilienhirne schalten automatisch in den Angstmodus.

Der heute so übliche Vorgang, sich zu fürchten und das Schlechteste anzunehmen, ist einem Menschen im 21. Jahrhundert hinderlich. Zu komplex sind unsere Gesellschaften geworden, also dass wie sie mit einfachen Lösungen anpacken können. Und dazu müssen wir selbst Technologie schaffen, die uns dabei helfen kann – wie eben eine, die mehr und die unsere ergänzende Intelligenz in die Welt bringt. Die Menschen, die Frankenstein schufen und ihn bitterlich enttäuschten, und sich heute noch auf diese Kreatur beziehen und als Mahnmal bemühen, sind jedenfalls keinen Schritt weiter gekommen, als unsere Vorfahren, die gerade erst den aufrechten Gang gelernt haben.

Weiterführende Quelle

Das Titelbild stammt übrigens von einem Frankenstein-Brettspiel der Firma Invedars.

Frankenstein – Yehuda Behringer & David G. Forés – Quelle: Invedars Board Games

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